Warum noch schreiben?

Ich habe vergessen, warum ich diesen Gang auf mich genommen habe und warte instinktiv auf die Krise, die sich unweigerlich einstellen wird, denn Wachstum geschieht immer durch Krise, so ist das doch, und wohl deshalb trete ich in diesem Augenblick mit meinem rechten, nackten Fuß auf eine Wespe. Der Schmerz erinnert mich daran, dass ich längst wieder hinter meinem Schreibtisch säße, wenn sich nicht alle Wände gegen mich verschworen hätten und mir den Rückweg abgeschnitten. Der Mensch lernt durch die Krise allein, so schätze ich gern klug daher und behaupte, alle Geschichten, die es je gegeben hat und die noch geschrieben werden müssen, erzählten von nichts anderem. Stoße jemanden mit einer Handlung durch einen Widerstand hindurch, und er oder sie wird die Grenze überschreiten und weiterlaufen.

Zum Beispiel über eine Wiese.

Dass dem Wachstum immer die Krise zugrunde liegt, ist allgemein bekannt, trotzdem gut, dass ich mich daran erinnere, und so zwinge ich mich humpelnd weiter über das hohe Gras, es ist ungeschnitten, offenbar macht sich hinter dem Spiegel niemand die Mühe, den Rasenmäher anzuwerfen oder zehn Seiten Papier zu beschreiben.

Immer weiter gehe ich, das Gras schlägt gegen meine Knöchel und nimmt mich in seiner Mitte auf.

Aber was, frage ich mich, mache ich mitten auf einer Wiese außer verloren den Horizont absuchen? Dort entdecke ich jetzt eine Tür und denke, wenn ich sie erreichen könnte, sie aufstoßen und dort hindurch gehen, also in mich hinein und in die Welt hinaus, über die Grenze, und von dem sprechen, was alle angeht: vom Menschsein.

Wo geht es hin?

Ich erreiche die Tür und öffne sie, denn mein Wunsch oder Glaube ist es, dass dieser Blick in einen anderen hinein, im Außen zu mehr Verständnis und damit auch zu weniger Angst vor dem Fremden führt, und sich auch bei denen, die meine Texte lesen, eine Tür öffnet, nicht in einem bekehrenden Sinne, sondern dem Wunsch folgend, es möge gelingen, diesen Blick auf das Innere zu TEILEN.

Mitzuteilen.

Corinna Antelmann, geboren 1969 in Bremen/Deutschland, lebt und schreibt seit 2006 in Oberösterreich.

Nach ihrem Diplom-Studium (Film, Literatur, Musik, Psychologie) an der Universität Hildesheim war Corinna Antelmann zunächst in der Theaterwerkstatt Hannover angestellt, bevor sie als Head-Autorin zur Trickompany Hamburg wechselte. Daneben arbeitete sie für Produktionsfirmen (Trickompany Hamburg), sowie als Dramaturgin für Theaterprojekte. Neben beratender dramaturgischer Tätigkeit ist Corinna Antelmann seither als freie Prosa- und Drehbuchautorin und Dozentin tätig, indem sie junge Studierende dabei begleitet, ihre Abschlussfilme zu entwickeln. Sie hat zahlreiche Stipendien erhalten und bereits veröffentlichte Romane und Kurzgeschichten wurden mehrfach nominiert. 2013 wurde Corinna Antelmann der Frau-Ava-Literaturpreis verliehen, 2015 das Kranichsteiner Jugendliteraturstipendium. Wenn sie nicht gerade schreibt, dann tanzt sie.

Meine neue, komplette Website ist noch im Aufbau. Eine vollständige Übersicht über alle meine Bücher, Lesungen, Pressereaktionen und – vor allem – meine Consulting-Leistungen, findest Du auf meiner bisherigen Website.