Sollen wir AutorInnen fortgehen, um woanders bessere Bedingungen vorzufinden? Nur: Was wäre, wenn es nirgendwo ein Literaturland gäbe in dem Sinne, was wir darunter verstehen würden? Wie sähe das Land aus, das sich für Literatur interessiert, Literatur lebt, Bezüge zur Literatur herzustellen imstande ist? Ein Land, in dem Literatur praktiziert wird, indem sie nicht allein geschrieben, sondern zudem kommentiert wird und sichtbar gemacht in der Öffentlichkeit?

Ein schönes Land.

Seit zehn Jahren lebe ich in Oberösterreich und teile den Eindruck alteingesessener KollegInnen, dass sich hier um Literatur wenig geschert wird, ebenso wenig allerdings wie in Hamburg, wo ich den Großteil meines Erwachsenenlebens zugebracht habe und Literatur gern ausschließlich als Groß-Event eingesetzt wird, oder gar in Bremen, meiner Geburtsstadt, zu schweigen vom Ammerland, wo ich zuletzt gewohnt habe.
Vielleicht ist es so, dass die Literatur nur von innen kommen kann, von uns, die wir Literatur zu schaffen versuchen, und all jenen, die in und mit ihr leben, und ihr über ihre Liebe zu ihren noch unbewohnten Welten einen Weg in die sogenannte Wirklichkeit bahnen, unabhängig von allen Gegebenheiten. Wenn wir auf die Literatur als Raum der Möglichkeiten vertrauen, sorgen wir dafür, dass sich diese Räume auch auftun, daran will ich glauben. Vermutlich ist das der einzige Weg, den wir gehen können, denn das Außen ist träge und interessiert sich zunächst für das bereits Vorgefundene, sprich: Gegebenheiten, die sich bereits bewährt haben, wie zum Beispiel: Literatur als touristische Attraktion an der Elbe, KünstlerInnenfeste als fotogenes Motiv der Parteienwerbung, Literatur als Unterhaltungsmedium für auswärtige Gäste.

Mit den Räumen des Möglichen verhält es sich wohl so, dass sie erst geboren und dann betreten werden, und da sie pränatal nicht zu besichtigen sind, sieht es dunkel aus mit der finanziellen Absicherung für das Nicht-Geborene. Das sagt mir meine Erfahrung, egal in welchem Land, und ja, unsere finanzielle Situation ist desaströs – keine Außenstehenden können sich das Ausmaß der Erniedrigung vorstellen, solange sich Wert nach Geld bemisst. Ich denke , dass dies in Oberösterreich ebenso gilt wie in New York, was Oberösterreich nicht von der Verantwortung für die Kunstschaffenden entbinden sollte, ebenso wenig wie New York, aber mir die Verantwortung belässt, meine Arbeit zu tun, weil ich sie tun will.

Ich lese gerade wieder einmal in Just Kids von Patti Smith, die von New Jersey nach New York geht, um Künstlerin zu werden, wohl wissend, dass ihr schwere Zeiten bevorstehen, brotlose Zeiten und harte Arbeit. Zweierlei interessiert mich daran. Erstens: Warum überhaupt New York, wenn die Situation des Künstlers, der Künstlerin überall gleich ist und sich die Konkurrenz in Städten wie New York oder Berlin im Gegenteil zudem auf den Füßen steht? Mein Versuch einer Antwort: Um Gleichgesinnten zu begegnen, die sich gegenseitig unterstützen, auch einmal, indem sie einfach ihr Brot teilen. Um einander Impulse zu geben, die Arbeit zu koordinieren, Räume zu schaffen, in denen sich begegnet werden kann und die Arbeite besprochen, Räume wie zum Beispiel das Chelsea Hotel. Das macht das New York dieser Jahre zu einem Kunst- und Literaturland: die Leute, das Vermögen, sich mit-teilen zu können im Unfertigen, während des Werdens, auf dem Weg, innerhalb des Prozesses, in der gegenseitigen Wertschätzung der eigentlichen Arbeit, die ansonsten versagt bleibt. Vielleicht ist es das, was mir hierzulande fehlt (und in Hamburg auch): der geistige Austausch, das Verständnis, das dieser Art der Arbeit, wie wir sie jeden Tag unverdrossen (?) tun, entgegengebracht wird.
Patti Smith lehnt nach ihrer ersten öffentlichen (erfolgreichen) Lesung in Folge einen Plattenvertrag ab, weil sie in der Biografie von Crazy Horse liest, er glaube, er werde im Kampf siegreich bleiben, doch sobald er innehalte, um auf dem Schlachtfeld Beute an sich zu nehmen, sei er verloren.
Patti Smith wollte sich nicht aneignen, das ihr nicht zustand.

Ich mag den Gedanken, nicht innezuhalten und nicht träge zu werden. Wo ist unser Chelsea Hotel? Ist Fortgehen die einzige Möglichkeit, es zu finden?

Ich behaupte, es gibt das Bedürfnis zum Denken: nachdenken, suchen, hinterfragen, den eigenen Kopf benutzen, eine Haltung finden. Alle wollen wir das, Erwachsene wie Jugendliche. Allein: Es muss Räume dafür geben, es muss trainiert werden, im Diskurs, beim Lesen, beim Sprechen. Im Austausch mit Kolleginnen entsteht der Eindruck, es sei keine Ausnahme, ein Manuskript, das sich in erster Linie an Jugendliche richtet, mit der Aussage abgelehnt zu bekommen, es sei zu reflektierend geschrieben. Warum ist das so? Mir stellt sich die Frage, wie ich meine eigenen Erfahrungen mit Jugendlichen und meine Erinnerungen an mich selbst als Jugendliche, mit der Einschätzung zusammenbringe, „die Jugendlichen“ wollten in erster Linie Unterhaltung. Allerorts entdecke ich dagegen in erster Linie Interesse am Teilen von Gedanken und am Ergründen der Frage: Wie denkt eine andere, ein anderer darüber?

In meinem neuen (noch unveröffentichten) Jugendroman sinniert die Protagonistin Nikola über dies und das, echauffiert sich, stellt Überlegungen an – in erster Linie über ihre Rolle als Mädchen, allgemeiner: über die Zuschreibungen, denen Jungen und Mädchen gegenwärtig ausgesetzt sind, stärker denn je, subtiler unter Umständen, kraftvoll auf jeden Fall. Wie viele andere passt Nikola in kein Schema, nicht in das Bild der von Film-, Werbe- und Kleidungs-Industrie generierten Mädchenrolle, die auch im 21. Jahrhundert noch davon dominiert zu sein scheint, in erster Linie hübsch und „weiblich“ zu sein und findet keinen akzeptablen Leitfaden für sich, mit anderen Worten: Sie ist ein Mädchen, das es ablehnt, in Schubladen gesteckt zu werden. In dem FREIRAUM der Virtualität bastelt sie sich die Welt, wie sie sein soll, zeigt Erfindungsgeist und politischen Feinsinn, bis sie über die Falle stolpert, die allen Systemen immanent zu sein scheint: Angst vor Fremd-Einflüssen. Aber sie ist und bleibt ein Freigeist.

Und ja, in gewisser Weise ist der Text (auch) theoretisch, und nein, ich bin nicht beleidigt, ebenfalls keine (verlegerische) Zustimmung erhalten zu haben bisher, aber abgesehen von meinem Manuskript bin ich davon überzeugt, den Versuch zu wagen, neben vielen anderen Büchern, die in erster Linie von Handlung getragen sind, auch Bücher zu platzieren, die zum Nachdenken auffordern.

Im Sinne der Vielfalt.

In DER RABE IST ACHT lasse ich meine Hauptfigur Maja sagen: „Er hat eben seinen eigenen Kopf und keinen, der ihm aufoperiert wurde, nachdem der eigene zuvor Scheibchen für Scheibchen unauffällig und kaum merklich amputiert worden ist. Was wohl geschehen würde, wenn ich meinen eigenen Kopf wiederfände und ihn dann einfach ausprobieren könnte? Wenn ich nur wüsste, wo er sich versteckt hält. Unter meinem langen blonden Haar jedenfalls sitzt etwas anderes: Ein kluges Köpfchen, das vollgequatscht ist mit Soll und Muss […]“ Und in dem Jugendbuch, was dem RABEN noch folgen soll/wird/möchte, sagt Nikola: „Bei allem Unverständnis in Bezug auf das Verhalten anderer, war ich durchaus zu Freundlichkeit fähig, da ich ohnehin nicht daran glaubte, irgendjemanden für gender-bedingten Wahnsinn sensibilisieren oder irgendjemandem die Schuld dafür geben zu können, dass dieser Wahnsinn existierte; ich fand nur eigenartig, dass alle sich verhielten, wie sie sich eben verhielten, was soviel hieß wie: anders als ich. Mit oder ohne Rasur.“

Ich glaube nicht, dass es allen anderen so anders geht als ihr.

(zur Kürzung der Literaturförderung in Oberösterreich)

Die Literaturförderung hierzulande ist empfindlich gekürzt worden: von den 0,12 %, die das Kulturbudget für die Literatur vorsieht, noch einmal 34%. Was tun? Beklagen und Lamentieren?

Ich denke, es könnte ein Anlass sein, über den Stellenwert von Literatur innerhalb einer Gesellschaft nachzudenken und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es sich beim Schreiben als Profession nicht um das Privatvergnügen einiger einzelner Menschen handelt, sondern es von allgemeiner Bedeutung ist, diese Arbeit zu verrichten. Literaturschaffende gehen einer Arbeit nach, wie andere Menschen auch, einer Arbeit, die zudem einen gesellschaftlichen Auftrag verfolgt, wie es beispielsweise auch das Theater tut, ja, das Kulturschaffen als solches. Ohne die Unterstützung der Solidargemeinschaft (Gesellschaft) wäre all das nicht zu leisten, das stimmt, und gilt für andere Bereiche ebenso. Es gibt viele Arbeitsplätze, die ohne die staatliche Zuwendung nicht erhalten werden könnten, weshalb das Steuerzahlen dem Umstand Tribut zollt, dass Arbeit, die nicht in erster Linie umsetzt, dennoch finanziert werden muss wie jede andere Arbeit, zumal, wenn sie dem Gemeinwohl dient. Wir steuern auf eine Zeit zu, in der die Arbeit nach und nach von Maschinen getätigt und von ihnen ersetzt werden wird, an denen jene verdienen werden, die diese Maschinen entwerfen, besitzen und steuern. Der Umsatz steigt. Dann gibt es jene Skills, die (Gott-sei-dank) niemals maschinell oder digital erzeugt werden können, wenig „einspielen“, aber uns Menschen als Menschen auszeichnen, als Wesen, die einander berühren und sich berühren lassen, füreinander sorgen, die niemals (niemals!) bemessen werden können nach dem Ertrag, den sie bringen, sie liegen jenseits der Gesetze und Maßstäbe des Marktes, wohl aber nach ihrer Funktion für den gesellschaftlichen Wert. Diese Skills schenken dem Leben jenen Wert, der dem menschlichen Streben nach Wertsein und Transzendenz entspricht: im Machen und im Empfangen. Keine dieser Säulen, die jedoch unsere Gesellschaft stützen, kann je in direkten Umsätzen gedacht und kalkuliert werden: Weder die Kindererziehung, noch die Pflege und Gesundheitsversorgung, weder die Bildung, noch eben die Kultur, die uns immer wieder in Kontakt bringt mit dem, was dieses Menschsein und seine Gebrechlichkeit bedeutet. Deshalb muss es Arbeiten geben, die Kapital erwirtschaften und Arbeiten, die mit diesem gewonnenen Kapital finanziert werden. Dass dieses Kapitel überhaupt gewonnen werden kann, auch dazu tragen alle auf ihre Art bei: sei es durch Freistellung der Arbeitskraft, indem die Pflege der gemeinsamen Brut übernommen wird, sei es durch Pflege des physischen und psychischen Wohlergehens, sei es durch Vermittlung von Erkenntnissen oder die Impulse in Form frischer Ideen. So lautet die Vereinbarung unserer sozialen Idee: dass das eine das andere mitträgt, und deshalb zahlen wir auch Steuern. Ich finde, das ist ein gutes Prinzip, ein menschliches, weil solidarisches Prinzip (s.o.).

Literatur ist Artikulation und Reflexion unserer Umwelt und Geschichte. Sie ermöglicht das Sprechen über gesellschaftliche Phänomene und menschliche Eigenarten, sie gibt Gefühlen und Ideen und Randerscheinungen eine Sprache, die stimmlos bleiben würden ohne sie. Damit allein leistet die Literatur den nicht unwesentlichen Beitrag zum besseren Verständnis des Miteinander, zum Erkennen menschlicher Schwäche und Möglichkeiten, erkundet Wege, einen neuen Umgang zu finden und Wege aus der Isolation. Hier findet, neben den verschiedensten Ausdrucksformen menschlicher Bedürfnisse und Gegebenheiten, auch der Diskurs einen Platz, und nicht zuletzt das Denken. Eine komplexe Zeit benötigt komplexe Denkansätze. Das Schreiben versucht sich auch darin, den Stellenwert des Menschen innerhalb der Bedingung, in denen er lebt, zu definieren und neu zu bestimmen. Das wird zunehmend wichtiger, denn der Mensch sollte bei allen Errungenschaften im Mittelpunkt von Wirtschaft und Fortschritt stehen. Dafür benötigt es einen Ausdruck, und für diesen Ausdruck benötigt es möglicherweise SchriftstellerInnen, die sich qua Profession darin geübt haben, der Beobachtung eine Form zu geben. Das bedeutet in der Tat harte Arbeit, und jede Arbeit muss irgendwie bezahlt werden. Dass diese Arbeit manchmal auch Vergnügen ist, tut hier wenig zur Sache: jeder Beruf vereint bestenfalls Arbeit und Vergnügen. Es ist wahr, dass der Beruf AutorIn oftmals mit Berufung einhergeht, und das muss er, denn müsste es sich rechnen, würde kaum jemand die Plackerei auf sich nehmen. Meine letzte Quelle bezeugt mir einen Stundenlohn von höchstens 42 Cent, so die Bestsellerautorin (!) Nina George in einem Artikel der ZEIT vom 20.10.2016: „Irgendein Witzbold ermittelte mal anhand der Künstlersozialkassen-Statistik den Stundenlohn von Buchautorinnen der »working class«, und er kam auf sensationelle 42 Cent. Es können aber auch problemlos weniger sein.“ Auch hier geht es mir weniger ums Jammern, als um Aufklärung: Der Verkauf eines meiner Bücher erwirtschaftet mir eine Summe von 10% des Buchpreises je Exemplar – es rechne an dieser Stelle, wer wolle.

Wollen wir (und hier meine ich nicht allein: wir AutorInnen, die wir hier leben, sondern die Menschen diesen Landes, sowie die Menschen aller Länder) den Standort Oberösterreich als einen Ort etablieren, aus dem das literarische Leben endgültig abwandert oder bildet es womöglich einen Wert für uns und unsere Kinder, die Literatur lebendig zu halten vor Ort, um Veranstaltungen, Schullesungen, Austausch, Begegnung, Diskurs im Herzen der Gesellschaft zu halten und davon zu profitieren, dass es diese Lebendigkeit im unmittelbaren Erleben weiterhin geben wird? Dies nicht als Bitte um Almosen, sondern als Aufforderung an alle Menschen, frei zu entscheiden, was es uns wert ist, die Kultur als Herz einer Gesellschaft zu begreifen – mit allen Bereichen, die darunter fallen.

(anlässlich der Schließung von Linzer Bibliotheken 2017 und der Schließung der Linzer Dombücherei)

Vor noch nicht allzu langer Zeit saß ich auf dem Sofa, in der Hand eine Ausgabe der Bibliotheksnachrichten (herausgegeben vom Österreichischen Bibliothekswerk) und ließ mich, zur Überraschung meiner Familie, die sich alsbald in Zustimmung wandelte, zu einer Ode an die Großartigkeit der Bibliothek hinreißen: Eine Einrichtung, die es ermöglicht, dort hinein zu spazieren und dir das Buch auszuleihen, an das du gerade gedacht hast, und das du immer schon einmal lesen wolltest. Ein Raum, dafür geschaffen, Begegnungen herbeizuführen und sich auszutauschen, wo Lesungen abgehalten werden, die aus Sicht der Autorin zu den anregendsten gehören, gut besucht außerdem, weil der Bedarf da zu sein scheint, zusammenzukommen und miteinander zu sprechen: über Leseerfahrungen, Inhalte, Gedanken. Ein Ort, der Leseförderung betreibt und dir den selbständigen und selbstverständlichen Zugang in die Welt der Möglichkeiten bietet. Hier kann Literatur empfohlen werden, ohne von wirtschaftlichen Zwängen geleitet zu werden, werden Entdeckungen erlaubt, die jenseits des mainstreams ihre Bedeutung entfalten und daran erinnern, was Aufgabe von Literatur bedeutet: Türen öffnen, den Horizont erweitern, das neuerdings vielbeschworene Establishment irritieren.

Ja, ich liebe Bibliotheken – als offene Räume in einem geistigen wie auch im institutionellen Sinne. Und ich liebe die Arbeit, die dort geleistet wird. Arbeit bedeutet in diesem Falle: eine SINNVOLLE Tätigkeit in Bezug auf den Menschen, der Idee folgend, dass der Mensch in erster Linien an Wachstum interessiert ist, nicht an Geld, und Bücher nicht allein Ware sind, die unter dem einzigen Gesichtspunkt produziert (!) werden: den größtmöglichen Gewinn einzubringen.

Seither lese ich Nachrichten, die mein Lesevergnügen schmälern: In Linz wurden 2017 nach und nach fünf Bibliotheken zugesperrt, in Großbritannien wurden durch den Brexit zu beinahe 48 % Stellen abgebaut, Bestände verringert und Ende dieses Jahres schließt die Dombücherei in Linz mit der Argumentation, das Gedruckte verliere an Bedeutung.

Meine Frage lautet: Erklärt es mir. Und meine Vermutung: Es gibt keine Erklärung, die, gesellschaftlich gesehen, einen wie auch immer gearteten Sinn machen könnte.

Viel wird in letzter Zeit über die vermeintlich allgemeine Verunsicherung vieler Menschen berichtet; von Orientierungslosigkeit war die Rede, vom Gefühl des Abgehängt-worden-sein. Die Welt hinkt daran, dass immer mehr Menschen aus dem System kippen, das ausschließlich dem Mammon (siehe oben) verpflichtet scheint, obgleich vor noch nicht allzu langer Zeit die Gier gesellschaftlich geächtet wurde – nachzulesen bei Homer oder wahlweise in der Bibel; beides steht sicher in der Bibliothek. Wollen wir in diesem Augenblick Einrichtungen wie Bibliotheken sperren, eine der letzten Bastionen kostenloser Gemeinschaftserfahrung? Wo ALLE sich als vollwertiger Mensch fühlen dürfen, ob sie eine Kreditkarte haben oder nicht, dem Markt zur Verfügung stehen oder als marktuntauglich verworfen wurden, ob sie bereits angekommen sind in diesem Land oder auf der Suche nach einem Platz.

Eine Gesellschaft setzt sich aus Einzelnen zusammen, mit allem, was dieser oder diese Einzelne mit hineinbringt, denn Gesellschaft meint nichts ja nichts anderes, als Verschiedene miteinander so zu verknüpfen, dass sie in Beziehung treten können.
Lesen, Verstehen, Begegnen – wo geht das? Genau.

Ich bin davon überzeugt, dass Bücher, dass die Literatur, Räume der Möglichkeiten eröffnen, auch Zeit-Räume. Dass sie Schönheit entdecken lassen, Platz erschließen für das Denken und Empfinden, das Fragen und Staunen, und somit notwendiger scheinen als jemals zuvor – ebenso wie die Orte, die es ermöglichen, ihnen auf unkomplizierteste Weise zu begegnen. Bildung ist AUCH immer eine Sache der Entscheidung. Hierzulande kann ich mir glücklicherweise Zugang dazu verschaffen, wann immer ich will: Zum Beispiel in der Bibliothek.

Warum sterben Mütter in Filmen, was denkst du? Diese Frage stellte mir meine zehnjährige Tochter, nachdem sie in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel gelesen hatte, in dem es um das gehäufte Sterben von Müttern im Film geht.

Ich finde es mehr als begrüßenswert, wenn auf die Gender-Problematik in Filmen oder im Filmbusiness aufmerksam gemacht wird, denn wie überall herrscht auch hier der männliche Blick und fehlt es an Frauenfiguren, die mehr sind als Männerphantasien, Objekt, Klischee. In diesem Falle jedoch kann ich keinen Zusammenhang zwischen sterbenden Müttern im Zeichentrickfilm (und Märchen) und Frauenfeindlichkeit ausmachen: Geschichten bilden oftmals ein äußeres Bild von inneren Prozessen ab. Wenn Filme für Kinder geschrieben werden, behandelt es nicht selten das Thema REIFE, heißt: die Geschichten erzählen von Kindern, die einen nächsten Schritt in Richtung Erwachsenwerden wagen. Dazu gehört der Schritt, zu erfassen, dass sie nicht länger eins sein können mit der Mutter, sondern unabhängig von ihr in der Welt bestehen müssen. Aus diesem Grund gibt es neben den mutterlosen Kindern ohnehin verstärkt Waisen und vaterlose Kinder in Märchen und Sagen, in der Literatur und eben auch im Film, weil sei bebildern, wie es ist, nicht länger behütet zu sein. Der Zustand, dem die ProtagonistInnen ausgeliefert werden, lässt sie zu der (wichtigen) Erkenntnis gelangen: Meine Eltern werden nicht immer für mich sorgen.

Wenn ich als Autorin die Mutter anfangs sterben lasse, finde ich für das unsichtbar emotionale ein womöglich wenig originelles, jedoch machtvolles Ereignis, um dieser Erkenntnis und dem sich anschließenden Prozess eine bildhafte Verdichtung zu geben, treffe also eine primär dramaturgische Entscheidung, auch, wenn meine kleinere Tochter diese dramaturgische Entscheidung (wortwörtlich:) „scheiße“, findet. Aus Autorinnensicht liegt jedoch in der toten Mutter keine marktwirtschaftliche Erwägung (mit toten Frauen Geld zu machen), sondern ein starkes Motiv, um den Kindern (dem Publikum) in einem einzigen Bild zeigen zu können: Du musst jetzt ohne deine Mutter in der Welt bestehen – ein Schicksal, dass uns allen blüht.

Eine Geschichte ist eine Geschichte und meint nicht, dass es wünschenswert ist, dass eine Mutter in der realen, sichtbaren Welt sterben sollte (was geschieht) oder ein Vater oder wer auch immer. Ebenso wenig ist es wünschenswert, dass der Weltuntergang von einem einzigen roten Knopf abhängt (was geschehen könnte), der nur gedrückt werden muss, und dann gibt es den großen Knall, aber in einem Actionthriller bietet er eine von vielen Möglichkeiten, zu zeigen, wie filigran unser technisches System ist. Wenn ich Geschichten in dem Sinne begreife, aus dem sie schon seit Tausenden von Jahren existieren, nämlich, um menschliche Prozesse des Scheiterns und Reifens zu veranschaulichen, dann finde ich es sehr kraftvoll, den Tod an den Anfang einer Kindergeschichte zu stellen, um in ihm einen Ausdruck von der ohnehin bestehenden Angst zu finden: Wie wird es sein ohne meine Mutter?
Kinder sind schlau im Geschichten-lesen (-schauen) und darin, die darunter liegende Bedeutung zu entziffern. Sie weinen über den Verlust von Bambis Mutter (je nach Alter), weil es weh tut, die Mutter (stellvertretend und gleichwohl symbolisch) zu verlieren, verfügen jedoch gleichzeitig über ein tieferliegendes Verständnis des fiktiven Ereignisses, sodass es nicht existentiell bedrohlich wird. Zudem erlebt das Kinderpublikum, wie die ProtogonistInnen sich weiterentwickeln und auf sich vertrauen dürfen, heißt: wie sie auch ohne Mama (Vater/Eltern) durchkommen.

So lautet das Gesetz von Erwachsenwerden.

Und die Kinder, die mit der Mutter und/oder dem Vater zu Hause auf dem Sofa sitzen haben, freuen sich umso mehr, dass diese noch da sind. Alle anderen bekommen Mut, dass (beinahe) jede Situation zu meistern ist. Dass eher Mütter in den Filmen (Geschichten) für jüngere Kinder sterben, hat den Grund, dass die frühe Bindung eben vorwiegend an die Mutter gekoppelt ist, der spätere Konflikt von: „Was TUE ich in der Welt?“ hingegen an den Vater, weshalb in Jugendfilmen(-geschichten) wiederum die Väter oftmals eine zentrale Rolle (oder einen zentralen Tod) zugewiesen bekommen, oft auch erst in Erwachsenenfilmen, weil die Loslösung vom Vater für Jungen damit einhergehen kann, nun die Position des Ernährers zu bekommen (also selbst schon Vater zu sein) – das mag nach vereinfachter Schreib-Psychologie klingen, hat sich aber bewährt und gibt dem Kinderpublikum bis heute wichtige Impulse und Ermutigung.
Und um noch eine Lanze für den Animationsfilm zu brechen: Animation haucht in erster Linie dem Nicht-Lebendigen eine Seele ein, also schafft das, was auch Kinder permanent tun (und manche Erwachsene glücklicherweise ebenfalls). Das ist ein Grund, warum sie so beliebt sind. Und einer der großen Vertreter der Animation, Hayao Miyazaki, erschafft im Übrigen die besten Mädchenfiguren, die mir in (Film-)Geschichten bisher untergekommen sind, weil er die Mädchen (insgesamt Frauen, auch und gerade Mütter!!) nicht einfach den Jungen angleicht (hier wäre einmal über Geschlechterbilder zu diskutieren, also warum Mädchen-Hauptfiguren vermeintlich männliche Eigenschaften gegeben werden, um sie cool erscheinen zu lassen), sondern mit Eigenschaften ausstattet, die gleichsam Kraft und Zerbrechlichkeit zeigen und somit Eigenschaften, die allen Menschen eigen, eben weil sie Menschen sind.
In Miyazakis Filmen aber rackern Mütter gegen Tsunamis oder ringen der Erde Nahrung ab, während sie außerdem Kinder behüten und gelegentlich ausflippen. Nicht um Supermütter zu werden, die multitsaken, sondern weil beides zu einem (Frauen- und Männer-9 Leben dazugehört. Und die Töchter dieser Mütter kämpfen sich durch Abenteuer und tragen dabei ihre spezifischen Fähigkeiten von Denken und Fühlen und Mut zum Handeln in die Welt hinein. Sie heißen Kiki, Ponyo, Mei, Sheeta, Satsuki, Sophie, Chihiro etc. und zeigen uns, wie mutig es ist, den eigenen Stärken zu vertrauen, um durchzukommen, auch ohne cool werden zu müssen.
DAS sollten Mütter ihren Kindern zeigen, erzählen, vorleben. Mädchen wie Jungen.

Über die Frauenfiguren und deren Darstellung in Filmen im Allgemeinen darf, sollte, muss!, weiterhin gestritten werden, denn der Ruf nach starken Frauenfiguren wirkt gegenwärtig wieder sehr begrenzt auf das Klischee der starken Frau, wie sie sich männliche Produzenten wünschen mögen, ohne darauf zu vertrauen, dass weibliche Autorinnen wissen, was sie tun: In ihrem denken, Fühlen und dem Mut, zu handeln, in diesem Falle: die richtigen Geschichten zu schreiben. Lassen wir diese Geschichten nicht so frühzeitig sterben wie die Mütter in der Kinderliteratur. Auf dass der Reifungsprozess gelänge.