… geschrieben anlässlich des Krieges in der Ukraine, „um nicht zugrunde zu gehen an dem Leid, das mich anspringt, der Ohnmacht, die mich niederreißt“ …

Hier der Anfang des (unveröffentlichten) Textes mit dem Titel Die andere Geschichte:

Es schreibt uns.

Wo nur habe ich das gelesen? Oder will ich es gelesen haben, denn das hieße ja, es gibt jemanden, dort oben unter der Decke hinter den Leuchtstoffröhren, der uns beobachtet und die Erzählung steuert, auf die wir zusteuern.

Womöglich ein Gott?

Sagen wir: Dort sitzt eine wilde Frau, die den Blick überall hat, auch ohne Kameras aufstellen zu müssen. Die beobachtet und dann den Rotstift nimmt und die ein oder andere Zeile im Text ausbessert. Und schließlich das Ende umschreibt. Oder hier und da eine weitere Figur einfügt. Ja, dieses „es schreibt uns“ entspricht einem Götterbild, aber nun lass mich diese Frau sein und Göttin spielen. Nur diesen einen Tag lang werde ich es sein, die sich anmaßt, die Geschicke der Welt zu beschreiben, genauer gesagt: umzuschreiben.

An die Decke gegangen bin ich bereits, denn du, lieber Sohn, hast dich freiwillig zum Kämpfen gemeldet, was immer das heißt in diesem Zusammenhang: freiwillig. Die vermeintliche Freiwilligkeit folgt der Erzählung, dass es ein Böse gibt und ein Gut und es heldenhaft sei, eine Waffe zu tragen, und da sind wir mittendrin in dem Schlamassel, der sich offenbar noch nicht ausschlamasselt hat, so lange das Kämpfen mit Waffen als Option gesehen wird.

Aber es ist keine Option. Zu keiner Zeit. Niemals.

Und deshalb bin ich angetreten, die Erzählung zu verändern, denn sie entbehrt der Vollständigkeit, wie so viele andere vor ihr, weil die Geschichten seit Jahrtausenden aus der immergleichen Perspektive erzählt werden, geflossen aus einer männlichen Feder. Du magst behaupten, es sei gleichgültig, aus welcher Perspektive wer was erzählt, aber, mein Lieber, es sollte dir keinesfalls gleichgültig sein. Bis der Ursprung der Geschichten nicht hinterfragt wird, werden sie weiterhin allein in einer bestimmten Art und Weise verfasst, in diesem Falle als Heldengeschichte: Der Held, der losgeht, kämpft und siegt. Sie werden nach ein und demselben Muster gestrickt, an dem wir festhängen, ohne je zu überprüfen, ob die Annahme, dass uns allein die Taten voranbringen, tatsächlich hält. Die Maschen sind eng gesetzt, obgleich das Strickmuster womöglich nur eines von vielen anderen möglichen ist.

Das soll ein Ende haben.

Ja, nenn mich hybrid, aber wenigstens diese eine Geschichte hier werde ich in meinem Sinne schreiben, denk dir nur, mein Sohn. Darf ich das? Was frage ich dich! Nein, um Erlaubnis muss ich nicht bitten. Niemand hat je um Erlaubnis gebeten, eine Geschichte so oder anders zu schreiben, oder was meinst du?

So werde auch ich nicht fragen, sondern egoistisch sein und mir die Seele freischreiben, um nicht zugrunde zu gehen an dem Leid, das mich anspringt, der Ohnmacht, die mich niederreißt. Hilflos schaue ich dir nach und schaue mich um und setze der Hilflosigkeit das Einzige entgegen, was mir derzeit zur Verfügung steht: schreiben. Was sonst könnte ich tun, angesichts des Zustands der Welt? Die Antwort lautet: Ich kann nur tun, was ich immer tue und damit der Erzählung eine unerwartete Wendung geben, ihr möglicherweise sogar eine Lösung anhängen. Da kannst du sagen, ich sei naiv oder utopistisch oder was auch immer: Es ist die Kraft der Erzählung, die uns in die eine oder andere Richtung marschieren lässt. Und manchmal auch in den Krieg.

Stopp.

Er ist keine Option, niemals, schrieb ich das nicht bereits?

[…]

Kopfkino. Bericht aus dem Inneren.

Ursprünglich als Filmprojekt geplant konzipiere ich derzeit einen Theaterabend, der auf einzelnen, intimen Gesprächen mit Männern zwischen 17 und 65 Jahren basiert. Sie wurden und werden von Christian Oberndorfer und mir geführt. Dadurch dass wir ihnen den Raum schenken und einfach zuhören, kann zu einer ungewohnten Art der Offenheit gefunden werden, die männliche Sexualität in all ihren Facetten miteinschließt. Die Interviews geben Einblick in Vorstellungen, die Männer in Bezug auf das Thema Sex entwickeln, auch in Hinblick darauf, wie diese sich im Laufe der Jahre verändert haben: Welche Bilder gibt es über den Sex und beim Sex? Wo führen diese männlichen Bilder möglicherweise zu Verbiegungen, wenn sie innerhalb der Paarbeziehung tabuisiert werden müssen?

Müssen sie?

Anonymisiert werden die Interviews, von drei Schauspielern gesprochen, schließlich in einem spartanisch eingerichteten Bühnenraum öffentlich gemacht: unkommentiert, unzensiert, unbewertet. 

Wir glauben, dass die Auseinandersetzung mit Männlichkeit ein Gewinn für alle sein kann, denn obgleich so viele Formen von Männlichkeit existieren, wie es Männer gibt, ist das Männlichkeitsbild im Patriarchat weltweit starr und aufgeladen von althergebrachten Klischees wie Leistungsfähigkeit, Potenz, Dominanz, Selbstbeherrschung. Oder um es mit JJ Bola zu sagen: „Männer ist nicht gleich Patriarchat. Es braucht eine Männlichkeit, welche die Notwendigkeit für Geschlechtergerechtigkeit erkennt und sie sich auch  herbeiwünscht.“

Kann die Reflexion darüber die Erwartungen an das eigene Männer-Ich eine partnerschaftliche Liebesbeziehung positiv revolutionieren?

Wir suchen übrigens auch weiterhin Männer zwischen 17 und 65 Jahren, die bereit sind, sich auf ein Gespräch einzulassen. Bei Interesse bitte mich kontaktieren.

Der Krieg ist schuld und immer wieder der Krieg, er lässt die Menschen nicht sein, wie sie sind, wann immer sie lebten oder noch leben werden, es sind seine Spuren, die sich so nachhaltig in die Seelen graben, dass Kieselsäureester nichts ausrichten kann und auch keine Anstrengung und keine Flucht. Der Krieg wird mitgenommen von Ort zu Ort, von Generation zu Generation, er tötet die Liebe, und das ist die Wahrheit. Ja, selbst aus den Gräbern grinsen sie einen an, die Zeichen des Krieges, dieses einen und des anderen, aber das spielt keine Rolle. Der eine Krieg zieht auf der Flucht vor dem vorherigen den nächsten nach sich und der dritte auf der Flucht vor dem zweiten den vierten. Die Gewalt wird weitervererbt, während die Narben durch die Zufügung neuer Narben gesalbt werden, denn wenn ich dir wehtue, tut es mir weniger weh.
Vererbte Irrtümer.
Irgendetwas geschieht mit uns allen, es durchfährt uns, ohne dass wir wissen, was es ist und warum. Aber wo bin ich, und wie finde ich von hier wieder heraus? Diese Geschichte geht mich an, sie erzählt von der Gegenwart. Krieg hat seine Zeit, und Friede hat seine Zeit, so heißt es, aber der Krieg sollte keine Zeit haben.
Zu keiner Zeit. Niemals.

(Hinter die Zeit, Septime Verlag, 2015)

Die Leiden dees Krieges lassen verstummen, so war es immer. Bis die Sprache zurückkehrt. Ich erinnere mich, wie die Großtanten schwiegen, zumal Teil des Tätervolks und somit nicht berechtigt zum Fühlen von Schmerz. Vererbte Irrtümer. Später dann gab es eine Zeit der Aufarbeitung und des Ausdrucks über alles Leid. Über den Schmerz, den der Krieg hinterlässt, über die Wunden, die kaum je heilen können. Ja, soviel wurde geschrieben und gemahnt, bedacht und betrauert, bis deutlich zu werden schien: Im Krieg gibt es allein Verlierer. Schien es nur mir, als wären wir seither auf dem Weg in ein offenes Miteinander gewesen, das keine Gegensätze aufbaut, sondern Brücken? Dass keine Fronten mehr schaffen will, sondern um Verständigung ringt? Keine Feindbilder aufbaut, sondern zeigt, dass alle einfach nur  leben und leben gelassen werden wollen in ihrer Verschiedenheit?

Aber so war es doch! Wir hatten zu reden begonnen, um das Gemeinsame zutage treten zu lassen und zu erfahren, dass alle immer nur das eine sind: Menschen. Menschen mit ihren Ängsten und Zweifeln und Irrtümern und Irrwegen. Mit ihren Verletzungen, die nach Heilung rufen, um nicht als Verdrängtes hervorzubrechen und Unheil hervorzurufen.

Reden wir weiter und suchen nach dem, was eint, nicht trennt.

Und deshalb habe ich immerzu diesen Satz im Kopf und kann ihn nicht naiv finden: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Weil niemand töten will. Und niemand dazu gezwungen werden sollte.

Zu keiner Zeit. Niemals.

Ursprünglich bereits für den November 2021 geplant, werden wir die Veranstaltung auf jeden Fall nachholen. Inzwischen müssen wir abermals einem Krieg in Europa beiwohnen, als hätte es die Aufarbeitung von Geschichte, wie Pollack sie betreibt, die Warnungen und das Waren von Erinnerung an seine Schrecken, nicht gegeben. Umso wichtiger, das Erinnern weiterhin zu betreiben, auch in Hinblick darauf, wie lang ein Krieg weiterwirkt, ebnénso wie einmal geschürter Hass und injizierte Feindbilder.

In seinem Buch zeichnet Pollack das Leben seiner Großtante Pauline in der slowenischen Marktgemeinde Lasko/Tüffer nach. Auch meine Großtante war Opfer des Krieges. Ich fragte meine Großtante und ihre beiden Schwestern, alle drei von dicken, schützenden Schichten Körper umgeben: „Wovor schützt ihr euch?“ und kannte die Antwort bereits, auch ohne sie je zu erhalten. Denn sie konnte nicht darüber sprechen und folgte damit einem unausgesprochenen Verbot: Nicht Opfer sein zu dürfen, auch unabhängig vo ihrer Gesinnung, mit der sie sich von Anfang an, wie der Vater, gegen Adolf Hitler gestellt hatte. Da sie dem „Tätervolk“ entstammte, das an einer „nationalen Schuld“ zu tragen hatte, blieben ihre Erfahrungn der Flucht aus Schlesien und die Verletzungen, die ihr aufgrund ihrer Herkunft auch als Frau zugefügt wurden, ungehört.

Ich liebte diese Großtante, ihr großes Herz hatte sie sich zeitlebens bewahrt, aber je älter ich wurde, desto mehr Fragen tauchten auf, nämlich: Wie hatte sie sich eben dieses große Herz bewahren können, nach allem, was sie erlebt haben musste? Darüber las ich in Augenzeugenberichten, die erst Jahrzehnte später verfasst worden waren, Jahrzehnte, in denen der Schmerz sich soweit gesetzt hatte, dass die einst Geflohenen ihre Sprache wiederfanden – als Form der Selbstermächtigung. Diese Sprache brach sich erst dann den Weg, als weil es manchen von ihnen unmöglich geworden war, die Erfahrungen weiterhin zurückzudrängen. Sie unter Verschluss zu halten aber mochte ihnen zuvor notwendiger erschienen sein als das Sprechen, um nicht einzuknicken, in anderen Worten: um überleben zu können.

Weiterzuleben.

Das Gefühl des Wohlbehagens zwischen dicken Decken und dicken Tanten wird herausgerissen von der Erkenntnis, dass die altruistische Großtante jeden Tag auf den Heuboden versteckt werden musste, weil der Krieg kein Schamgefühl kennt. Und auch der Frieden tut sich  schwer mit diesem Schamgefühl. Die Verbrechen der Kriege verfolgen uns alle, solange wir die Geschichten nicht thematisieren, die der Großtanten, die unsrige, die gegenwärtige.

Umso mehr freue ich mich auf die noch bevorstehende Begegnung mit Martin Pollack, und dass wir über die Auswirkungen von Krieg sprechen können, der trennt statt vereint, und Familiengeschichte ebenso prägt wie die Weltgeschichte. Wie er teile auch ich die Überzeugung, dass „wir heute alle Geschichten erzählen können, vielleicht sogar müssen, ohne Zorn und Eifer, ohne etwas zu verschweigen oder auszublenden […].“

Die Matinee mit der Lesung aus „Die Frau ohne Grab“ wird in der Ottensheimer Bibliothek stattfinden, sobald es geht.

Bis dahin lege ich jeder und jedem die Lektüre des Werkes von Martin Pollack ans Herz.

Gerda Lischka leiht meinem Text „Die vergessene Wiege“ in gekürzter Lesefassung im ORF ihre Stimme und trifft genau den Ton – wie wunderbar!

Der Text ist von mir als Ode an die Generationen von Müttern gedacht, die vor uns gelebt haben und ins Vergessen gerutscht sind. Denn je älter ich selbst werde, desto zorniger (oder auch: ratloser, aufmerksamer?) lassen mich Geschichten von (nun erwachsenen) Kindern werden, die um die Leistungen der Väter kreisen, sodass oftmals der Eindruck entsteht, es habe nie je eine Mutter existiert oder jedenfalls nichts Nennenswertes beigesteuert durch ihr Sein. Ihre Stimme verstummt mit ihrem Tod, kein schriftliches Zeugnis wird hinterlassen, keine materielle Spur. Hier also der Versuch, sie hörbar werden zu lassen, diese Stimmen.

Jede Frau kann stolz sein auf ihre (oftmals doppelte) Produktivität. Nur über das Lebendige kommt Leben in die Welt. Mir geht es um das Bewusstsein über den Wert der Mütterlichkeit (der entsprechend honoriert gehörte, das auch), die im Übrigen nicht mit Mutterschaft gleichzusetzen ist, das heißt, daraus lässt sich keineswegs ableiten, wem die Familenarbeit obliegt.

Mein Dank gilt Judith Raab für die redaktionelle Betreuung.

 

Zukunft muss man gemeinsam träumen, steht in dem Buch Die Psychotische Gesellschaft von Ariadne von Schirach (übrigens eine Leseempfehlung). Neue Begriffe ermöglichen neues Denken und damit vielleicht auch eine andere Beziehung zur Welt (Seite 210).

Deshalb dieser Abend, der Vortrag, Film (Otto Saxinger, Lisa Spalt) und Publikumsgedanken zusammenzuweben suchte. Gemeinsam mit Lisa Spalt entstand die Idee, uns von den Dystopien, die allerortens die Oberhand zu gewinnen scheinen, nicht länger verrückt machen zu lassen, sondern lieber zu überlegen, wie sie denn nun aussehen soll, die andere Welt, der Raum, den wir in Zukunft zu bewohnen trachten.

„Füll mich“, sagt der Raum, „mach, dass etwas wird.“

Deshalb das Ansinnen, gemeinsam mit dem Publikum die folgenreiche Denk- und Besinnungsarbeit zu zu leisten, die es emöglicht, eine andere Welt zu beschwören, ja, zu erschaffen, denn, wie schon Gott sagt: Thought is the firts level of creation, next comes the word, next comes action. Actions are words moving (Conversation with God, Seite 74).

Wo, wenn nicht in Ottensheim, der Gemeinde der innovativen Ideen und gelebter Gemeinschaft, ließe sich der richtige Ort dafür finden, dieses Unterfangen zu beginnen?

Einen Abend lang widmeten wir uns also der Frage: Wie können Einzelmenschen zusammenleben?, in Übereinstimmung mit ihrer Umwelt?, in Übereinstimmung mit anderen und sich selbst?, und gaben dabei Entwürfe zur Inspiration, die in den letzten 2500 Jahren die Vorarbeit leisteten für uns, hier, heute. Im Gespräch zitierten wir unter anderem Fourier, Morus, Campanella und Margaret Cavendish: Inspirationen, wie es aussehen könnte, das Paradies, nach dem wir uns sehnen. Oder nicht? Was ist zum Beispiel mit Campanellas Vorschlag: Große, schöne Frauen werden mit großen, tugendhaften Männern gepaart, dicke mit dünnen und dünne mit dicken, zum Ausgleich allen Übermaßes? Da klingt Aristophanes schon wegweisender, wenn er die Paxagora das Zepter überlässt und sie sagen lässt: Die etwas Geringeren und Plattnasigen werden bei den Göttlichen sitzen; und wenn einer die Schönste begehrt, muss er erst einmal die Hässliche stoßen.

Und zuguterletzt wurden deshalb urdemokratisch (noch eine Leseempfehlung: Gegen Wahlen von David van Reybrouck) einige der in stiller Einzelarbeit entstandenen Vorschläge aus dem Gesamtpool gelost, um dann (ganz im Sinne der gegenwärtig praktizierten Demokratie; allerdings ohne Wahlkampf) zur Abstimmung zu gelangen.

Die OttensheimerInnen kreierten somit schlussendlich eine Welt, in der unter anderem Arbeit als erfüllend empfunden wird, statt als Gegensatz zum „Leben“, es eine unsichtbare Oma für die Einsamen gibt, keine Formal1-Rennen mehr stattfinden und alle gemeinschaftlich MITEINANDER leben.

Und so und so –

– so machen wirs.

Und die Liebe wird zur Hauptbeschäftigung (das füge ich mit Fouriers Worten einfach mal kommentarlos hinzu) …

 – Juli 2020, anlässlich der Entscheidung in Oberösterreich, nach der Entdeckung eines Clusters in fünf Bezirken ausnahmslos alle Veranstaltungen abzusagen (auch outdoor und gewissenhaft organisiert wie in Ottensheim) und alle Schulen und Kindergärten zu schließen. –

Wir sollten entscheiden, wie wir als Menschen leben wollen und uns gewahr zu werden, wo es hingehen soll mit dieser Menschen-Gemeinschaft. Frage: Was macht eine Gesellschaft aus? Woher nehmen wir Sinn und Gehalt und Nahrung für die Seele? Das Gefühl für Schönheit? Die Freude und innere Gesundheit?

Der Weg dorthin ist ebenso gepflastert mit Entscheidungen, zum Beispiel die Entscheidung, wie wir mit unserem Leben umgehen wollen. Und zwar langfristig, weil Krankheiten uns weiterhin begleiten werden, je länger wir das Leben weiterhin mit Füßen treten, missachten, und uns von allem Verbindenden und Verbindlichen abschneiden.

Anfang Juli stieg in Oberösterreich die Zahl der Infizierten abermals (und erstmals in diesem Maße nach dem Shutdown), nicht ganz überraschend für alle, die ohnehin Vorsicht haben walten lassen, um ihren Wiedereinstieg ins berufliche und gesellschaftliche Leben nicht zu gefährden, zum Beispiel uns KünstlerInnen. Nach dem kurzen Aufatmen dann kamen erste zarte Bemühungen (und hier kommt die persönliche Betroffenheit), als Kunstschaffende unter Berücksichtigung von Vorsichtsmaßnahmen an Strategien zu basteln, die Veranstaltungen möglich machen könnten, wie es gehen könnte, ohne Teil des Problems zu werden, sondern Teil einer Lösung zu sein. Dieses erstes Wiederaufblühen ist noch vor der Blüte (vor der Ernte sowieso) wieder niedergetreten worden. In meinem Falle: eine Freiluft-Lesung mit Kollegin Irene Kepl in kleinem Rahmen, mit Abstand und Maske,ohne direkten Körperkontakt. Durch die pauschale Absage an ALLE Veranstaltungen in fünf oberösterreichischen Bezirken, ohne Differenzierung, musste sie ausfallen, während alles andere unangetastet blieb, selbst die Maskenpflicht nicht mit sofortiger Wirkung wieder eingeführt wurde. Aha. Kultur, und ebenso pauschal die Bildung unserer Kinder, deren Schulalltag abermals von einem auf den anderen Tag ausgesetzt wurde (das trifft mich als Mutter UND freischaffende Künstlerin doppelt), das zutiefst Humane, Sinnstiftende, Nährende, gelten also als weniger wert, weniger relevant als die Bereiche, die uns in erster Linie als KonsumentInnen sehen?

Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass Geld nicht sinnstiftend sein kann und auch nicht heilend. Ja, Unterstützung braucht es dennoch – für viele von uns, und ich bin dankbar, in einem Land wie Österreich aufgefangen zu werden, aber: Es geht nicht nur um Geld; der Mensch will (allen anders lautenden Meinungen zum Trotz) arbeiten! Ich will arbeiten, ja, denn ich halte Arbeit für wichtig und erfüllend. Meine Eltern wollen Berührung und mein Kind will eingebettet sein in soziale Zusammenhänge und sein Recht auf Bildung ausüben (anders lautenden Meinungen zum Trotz, auch hier). Studierenden wollen „in Beziehung“ lernen, bevor die Wut um sich greift, die jede Solidarität in ihren Flammen erstickt. Fallengelassen zu werden, aber als Konsumentengruppe willkommen zu sein, das hält eine kindliche Psyche bedingt aus.

Fallengelassen zu werden, weil es sich nicht rechnet, hält niemand aus.

Also fragen wir uns bitte, und ich frage auch Sie, Herr Stelzer: Wie wollen wir die Säulen Gesundheit, Kultur, Bildung stabilisieren, auf denen jede Gemeinschaft fußt? Wie wollen wir der allgemeinen Frustration entgegenwirken: von den Kindern, den Eltern, von all jenen, die ihre Arbeit nicht ausüben dürfen, nicht berührt werden, nicht gehört werden, keine Stimme haben, keine Sprache? Bitte, bitte keine undifferenzierte Willkür mehr, wann welche Maßnahmen getroffen werden. Allein deshalb, um die Solidarität ALLER nicht zu gefährden. Wo ist Vorsicht sinnvoll, unvermeidbar und zielführend, wo pauschal, undurchsichtig und krankmachend, ja, kränkend? Bitte, überlegen wir eine Strategie, die soziale, psychische, emotionale, kreative Aspekte vor Umsätze reiht.

Denn auch deshalb will ich arbeiten und sehe es als sinnstiftend an, (im Rahmen des Möglichen) öffentlich zu lesen, gemeinsam auch mit Schüler und Schülerinnen: Weil über das Geschichtenerzählen das Staunen, Atmen, Denken, ja das Menschliche, in den Vordergrund gerückt wird. Alles, was je erzählt wurde und wird, drückt das Gemeinsame aus, das Verbindende, das, was das Leben ausmacht, statt durch voranschreitende Ökonomisierung an Lifestyles zu stylen, die uns zu unterscheiden versuchen. Wir sind keine Einzelwesen, sondern brauchen jede Einzelne mit dem, was er oder sie tut und ist. Den politischen EntscheidungsträgerInnen sei an dieser Stelle empfohlen, sich gelegentlich mit der schreibenden Zunft auseinanderzusetzen. Wir sitzen alle in einem Boot, allein dadurch, dass wir Menschen sind. Auch das erfahren wir gerade. Wir sind Gesellschaft und sollten die Verantwortung übernehmen: uns selbst und unserer Umwelt gegenüber. Wie können wir uns gegenseitig schützen, wertschätzen, unterstützen? Wie können wir verantwortungsbewusst handeln, ohne das Leben fallenzulassen?

Nehmen wir unser Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit ernst.

Danke.

 

Meine Drehbuchseminare begleitet der Satz: Wachstum durch Krise, um den dramaturgischen Verlauf zusammenzufassen: Erst, wenn der Mensch seinen Status Quo gezwungenermaßen verlassen muss, kann ein Lernprozess in Gang gesetzt werden und möglicherweise zu einer Erkenntnis führen (oder auch zum Scheitern). So ist es in beinahe allen Geschichten. Zumindest, seit unser Leben von den Strukturen bestimmt wird, die auch unseren Erzählstrukturen zugrunde liegen.

Das lehren uns die Filme (ohne Imperativ).

Und es gibt immer und immer wieder etwas zu lernen und nachzudenken: Über Kinderbetreuung als Problem (wie traurig für alle Väter und Mütter!), gesellschaftlicher Solidarität , bedingungslosem Grundeinkommen für die (humanistischen) Bereiche, die am wenigsten von Maschinen übernommen werden können (s.o.) …Es wäre eine Chance.

Und der Literatur kam (noch bis vor wenigen Jahren jedenfalls) immer die Aufgabe zu, Fragen zu stellen, indem verschiedenen Perspektiven eingenommen werden. Die Aufgabe, sich in andere hineinzuversetzen und zu verstehen, warum ein Mensch so oder anders handelt, und warum er regiert, wie es ihm und seiner Lebenssituation entspricht. Warum der eine brüllt: „Wohnt ihr auch wirklich in einem gemeinsamen Haushalt?“ und ein anderer Corona-Partys feiert, und wieder andere in Panik verfallen oder in Aktivität ausbrechen oder abwarten oder helfen oder vorausdenken.Keine Antwort, kein Urteil, sondern nur die Frage: Warum?

»Nicht wir«, wiederholt Gerhard, »sondern die Systeme
an sich sind fehlerhaft.«
»Da hast du recht, mein Lieber.«

In diesem Sinne: Lest, ihr Leute (nun doch ein Imperativ)!

Sollen wir AutorInnen fortgehen, um woanders bessere Bedingungen vorzufinden? Nur: Was wäre, wenn es nirgendwo ein Literaturland gäbe in dem Sinne, was wir darunter verstehen würden? Wie sähe das Land aus, das sich für Literatur interessiert, Literatur lebt, Bezüge zur Literatur herzustellen imstande ist? Ein Land, in dem Literatur praktiziert wird, indem sie nicht allein geschrieben, sondern zudem kommentiert wird und sichtbar gemacht in der Öffentlichkeit?

Ein schönes Land.

Seit zehn Jahren lebe ich in Oberösterreich und teile den Eindruck alteingesessener KollegInnen, dass sich hier um Literatur wenig geschert wird, ebenso wenig allerdings wie in Hamburg, wo ich den Großteil meines Erwachsenenlebens zugebracht habe und Literatur gern ausschließlich als Groß-Event eingesetzt wird, oder gar in Bremen, meiner Geburtsstadt, zu schweigen vom Ammerland, wo ich zuletzt gewohnt habe.
Vielleicht ist es so, dass die Literatur nur von innen kommen kann, von uns, die wir Literatur zu schaffen versuchen, und all jenen, die in und mit ihr leben, und ihr über ihre Liebe zu ihren noch unbewohnten Welten einen Weg in die sogenannte Wirklichkeit bahnen, unabhängig von allen Gegebenheiten. Wenn wir auf die Literatur als Raum der Möglichkeiten vertrauen, sorgen wir dafür, dass sich diese Räume auch auftun, daran will ich glauben. Vermutlich ist das der einzige Weg, den wir gehen können, denn das Außen ist träge und interessiert sich zunächst für das bereits Vorgefundene, sprich: Gegebenheiten, die sich bereits bewährt haben, wie zum Beispiel: Literatur als touristische Attraktion an der Elbe, KünstlerInnenfeste als fotogenes Motiv der Parteienwerbung, Literatur als Unterhaltungsmedium für auswärtige Gäste.

Mit den Räumen des Möglichen verhält es sich wohl so, dass sie erst geboren und dann betreten werden, und da sie pränatal nicht zu besichtigen sind, sieht es dunkel aus mit der finanziellen Absicherung für das Nicht-Geborene. Das sagt mir meine Erfahrung, egal in welchem Land, und ja, unsere finanzielle Situation ist desaströs – keine Außenstehenden können sich das Ausmaß der Erniedrigung vorstellen, solange sich Wert nach Geld bemisst. Ich denke , dass dies in Oberösterreich ebenso gilt wie in New York, was Oberösterreich nicht von der Verantwortung für die Kunstschaffenden entbinden sollte, ebenso wenig wie New York, aber mir die Verantwortung belässt, meine Arbeit zu tun, weil ich sie tun will.

Ich lese gerade wieder einmal in Just Kids von Patti Smith, die von New Jersey nach New York geht, um Künstlerin zu werden, wohl wissend, dass ihr schwere Zeiten bevorstehen, brotlose Zeiten und harte Arbeit. Zweierlei interessiert mich daran. Erstens: Warum überhaupt New York, wenn die Situation des Künstlers, der Künstlerin überall gleich ist und sich die Konkurrenz in Städten wie New York oder Berlin im Gegenteil zudem auf den Füßen steht? Mein Versuch einer Antwort: Um Gleichgesinnten zu begegnen, die sich gegenseitig unterstützen, auch einmal, indem sie einfach ihr Brot teilen. Um einander Impulse zu geben, die Arbeit zu koordinieren, Räume zu schaffen, in denen sich begegnet werden kann und die Arbeite besprochen, Räume wie zum Beispiel das Chelsea Hotel. Das macht das New York dieser Jahre zu einem Kunst- und Literaturland: die Leute, das Vermögen, sich mit-teilen zu können im Unfertigen, während des Werdens, auf dem Weg, innerhalb des Prozesses, in der gegenseitigen Wertschätzung der eigentlichen Arbeit, die ansonsten versagt bleibt. Vielleicht ist es das, was mir hierzulande fehlt (und in Hamburg auch): der geistige Austausch, das Verständnis, das dieser Art der Arbeit, wie wir sie jeden Tag unverdrossen (?) tun, entgegengebracht wird.
Patti Smith lehnt nach ihrer ersten öffentlichen (erfolgreichen) Lesung in Folge einen Plattenvertrag ab, weil sie in der Biografie von Crazy Horse liest, er glaube, er werde im Kampf siegreich bleiben, doch sobald er innehalte, um auf dem Schlachtfeld Beute an sich zu nehmen, sei er verloren.
Patti Smith wollte sich nicht aneignen, das ihr nicht zustand.

Ich mag den Gedanken, nicht innezuhalten und nicht träge zu werden. Wo ist unser Chelsea Hotel? Ist Fortgehen die einzige Möglichkeit, es zu finden?

Ich behaupte, es gibt das Bedürfnis zum Denken: nachdenken, suchen, hinterfragen, den eigenen Kopf benutzen, eine Haltung finden. Alle wollen wir das, Erwachsene wie Jugendliche. Allein: Es muss Räume dafür geben, es muss trainiert werden, im Diskurs, beim Lesen, beim Sprechen.

Im Austausch mit Kolleginnen entsteht der Eindruck, es sei keine Ausnahme, ein Manuskript, das sich in erster Linie an Jugendliche richtet, mit der Aussage abgelehnt zu bekommen, es sei zu reflektierend geschrieben.

Warum ist das so?

Mir stellt sich die Frage, wie ich meine eigenen Erfahrungen mit Jugendlichen und meine Erinnerungen an mich selbst als Jugendliche, mit der Einschätzung zusammenbringe, „die Jugendlichen“ wollten in erster Linie Unterhaltung. Allerorts entdecke ich dagegen in erster Linie Interesse am Teilen von Gedanken und am Ergründen der Frage: Wie denkt eine andere, ein anderer darüber?

In meinem neuen (noch unveröffentichten) Jugendroman sinniert die Protagonistin Nikola über dies und das, echauffiert sich, stellt Überlegungen an – in erster Linie über ihre Rolle als Mädchen, allgemeiner: über die Zuschreibungen, denen Jungen und Mädchen gegenwärtig ausgesetzt sind, stärker denn je, subtiler unter Umständen, kraftvoll auf jeden Fall. Wie viele andere passt Nikola in kein Schema, nicht in das Bild der von Film-, Werbe- und Kleidungs-Industrie generierten Mädchenrolle, die auch im 21. Jahrhundert noch davon dominiert zu sein scheint, in erster Linie hübsch und „weiblich“ zu sein und findet keinen akzeptablen Leitfaden für sich, mit anderen Worten: Sie ist ein Mädchen, das es ablehnt, in Schubladen gesteckt zu werden. In dem FREIRAUM der Virtualität bastelt sie sich die Welt, wie sie sein soll, zeigt Erfindungsgeist und politischen Feinsinn, bis sie über die Falle stolpert, die allen Systemen immanent zu sein scheint: Angst vor Fremd-Einflüssen. Aber sie ist und bleibt ein Freigeist.

Und ja, in gewisser Weise ist der Text (auch) theoretisch, und nein, ich bin nicht beleidigt, ebenfalls keine (verlegerische) Zustimmung erhalten zu haben bisher, aber abgesehen von meinem Manuskript bin ich davon überzeugt, den Versuch zu wagen, neben vielen anderen Büchern, die in erster Linie von Handlung getragen sind, auch Bücher zu platzieren, die zum Nachdenken auffordern.

Im Sinne der Vielfalt.

In DER RABE IST ACHT lasse ich meine Hauptfigur Maja sagen: „Er hat eben seinen eigenen Kopf und keinen, der ihm aufoperiert wurde, nachdem der eigene zuvor Scheibchen für Scheibchen unauffällig und kaum merklich amputiert worden ist. Was wohl geschehen würde, wenn ich meinen eigenen Kopf wiederfände und ihn dann einfach ausprobieren könnte? Wenn ich nur wüsste, wo er sich versteckt hält. Unter meinem langen blonden Haar jedenfalls sitzt etwas anderes: Ein kluges Köpfchen, das vollgequatscht ist mit Soll und Muss […]“ Und in dem Jugendbuch, was dem RABEN noch folgen soll/wird/möchte, sagt Nikola: „Bei allem Unverständnis in Bezug auf das Verhalten anderer, war ich durchaus zu Freundlichkeit fähig, da ich ohnehin nicht daran glaubte, irgendjemanden für gender-bedingten Wahnsinn sensibilisieren oder irgendjemandem die Schuld dafür geben zu können, dass dieser Wahnsinn existierte; ich fand nur eigenartig, dass alle sich verhielten, wie sie sich eben verhielten, was soviel hieß wie: anders als ich. Mit oder ohne Rasur.“

Ich glaube nicht, dass es allen anderen so anders geht als ihr.