Selbst für Autorinnen, denen landläufig nachgesagt wird, sie unterhielten einen Draht zum Nicht-Sichtbaren, solange sie nicht mit blauer oder rosa Gewinnmaximierung beschäftigt sind, gelten Sätze, die ein Wort wie Herz oder Seele beinhalten, einem unsichtbaren Gesetz gemäß als verboten und werden in jedem semiprofessionellen Schreibseminar als Allererstes aus den Texten getilgt.

»Seele, Seele, Herz, Herz«, tippe ich in mein Handy und ernte ein Fragezeichen, denn Gerhard hält mich für einen aufgeklärten Geist, einen erfinderischen Geist, aber ein Fragezeichen kann ja auch ein gutes Zeichen sein.

»Vergiss es«, schreibe ich, »gute Nacht.«

(aus: Drei Tage drei Nächte, Septime-Verlag 2018, S. 61)

Literatur interessiert ohnehin keine Socke, erwidere ich und bin froh, dass Gerhard sich endlich zu Wort gemeldet hat, außer die Bibliothekarinnen und Bibliothekare vielleicht.

»Einspruch«, höre ich meine Lektorin im Geiste einwenden, allerdings nicht, um inhaltlich zu widersprechen, wie ich sodann feststelle, sondern um zu verkünden, dass sie dieses Gendern wahnsinnig mache. Wendungen wie Bibliothekarinnen und Bibliothekare produzierten Wortmonster, die den Text zu verschlingen drohten. Ich ignoriere den Einwand, denn sie sitzt zu Hause, statt neben mir auf der Gasse zu stehen, und die Alternative zum Gendern gefällt mir nicht; auch sie produziert Monster, das Monster der Ignoranz, das droht, meine Existenz zu verschlingen, und wer möchte schon unerwähnt und unsichtbar und zerknickt bis gebrochen durch das Leben marschieren? Ich einige mich mit mir, in Zukunft die männliche Form zugunsten der weiblichen zu fressen und die Worte in voller und vollkommener weiblicher Schönheit zu formen, denn in der  Weiblichkeit ist der Mann ohnehin mit enthalten.

Aufgemampft.

Und wenn ich recht habe und die Literatur keine Socke interessiert, kann ich schreiben, wie ich will, oder warum nicht gleich: aufhören zu schreiben, denn im Grunde wäre es in diesem Falle sinnlos, weiterhin Literatur produzieren zu wollen, so sinnlos wie die Verpackungen, die hier herumliegen, um mir den Weg abzuschneiden.

(aus: Drei Tage drei Nächte, Septime-Verlag 2018, S. 13)

Weniger pervertiert, also in einem Sinne normal, wäre es dagegen, die Kinder als Liebe empfindende und empfangende Wesen aufwachsen zu lassen, auf dass sie liebesfähig werden, ohne Angst vor Frauen und Sexualität verabreicht zu bekommen, ohne Angst vor dem strafenden Gott, dem strafenden Gesetz, dem Entzug von Liebe, die den mit Angst besetzten Menschen ja nur dazu bringt, später mit ebendieser Angst loszumarschieren, um selbst Angst zu verbreiten. Denn dass die Grenze vom Denken zum Tun durchaus überschritten wird und zwar weniger selten, als wir es uns wünschen würden, wissen wir nicht erst seit den jüngst verstärkt offenbarten Missbrauchsgeschichten. Und sollte der Priester dort vorne ein Grenzüberschreitender sein, würde meine Vermutung, er teile seine Sexualität ausschließlich mit sich selbst, auf unschöne Weise widerlegt. Aber das ist nach wie vor allein ins Blaue gesponnen, um Verbindungen zwischen dem einen und dem anderen Thema herzustellen und den Gedanken auf diese Art eine kreisrunde Form zu verleihen, ohne den Priestern im Allgemeinen und diesem Priester im Speziellen gerecht zu werden. In Wirklichkeit nämlich saß ich mit ihm nie in einem Kaffeehaus, wo er sich mir hätte offenbaren können, so wie es der mit mir befreundete impotente Mann getan hat, der immer viel und gern von sich und seinen heimlichen Begierden erzählte, die fortan nicht länger heimlich für mich waren. Allerdings standen diese Begierden nie mit Pädophilie im Zusammenhang, sondern mit dem inneren Widerstreit, eine geliebte Frau anfassen zu dürfen, was er als irgendwie entheiligend empfand, und da die Liebe und das Heilige für ihn zusammengehörten, die Sexualität ihm jedoch, wohl aufgrund seiner katholischen Vergangenheit, als ungeheuer unheilig galt, musste er sexuell auf Fantasien ausweichen, die möglichst wenig mit Liebe zu tun haben sollten … (aus: Drei Tage drei Nächte, Septime-Verlag 2018, S. 146)

Ein Filmtipp: Der kürzlich herausgekommene Dokumentarfilm Female Pleasure, der in den meisten Städten leider nur nachmittags läuft, also dann, wenn kaum jemand sich ins Kino verirrt. Warum? Wer hat …?

In Hinblick auf das anzunehmende Leseverhalten der Kinder verstehe ich im Übrigen nicht, warum die Verlage den Kindern nur mehr kurze Sätze zumuten wollen, wie erst neulich ein mir unbekannter Verleger am Telefon zu mir sagte: »Kurze Sätze und wörtliche Rede, also bitte, schreiben Sie bloß keine indirekte Rede«; er habe bemerkt, wie sehr ich das möge. Dass ich die indirekte Rede in meinen Texten liebe, ist auch mir bereits aufgefallen, obwohl es mich wundert, weil ich meiner norddeutschen Herkunft gemäß gewöhnlich für das Direkte bin und deshalb ja oft anecke in Österreich, in einem Land, das es lieber indirekt zu mögen scheint, dafür rund und geschmeidig. Beim Schreiben erscheint es mir dagegen ebenfalls angenehm, indirekt zu bleiben, weil die geschriebene Sprache ja ohnehin keinen direkten Weg zurücklegt, anders als es das gesprochene Wort tut, in Norddeutschland häufiger als hier, und so denke ich logischerweise, minus plus minus ergibt plus, was mathematisch gesehen vollkommen korrekt ist, auf die Schriftsprache bezogen allerdings überprüft werden sollte. Auf meine Frage, warum er etwas gegen die indirekte Rede in Büchern für Kinder habe, meinte der Verleger, dass die Kinder indirekte Rede nicht verstünden. Und als ich es mit dem Argument versuchte, durch die verstärkte Lektüre indirekter Rede könne sich das ja ändern, legte er auf. (aus: Drei Tage drei Nächte, Septime-Verlag 2018, S. 199)

Womöglich sehen sich genau aus diesem Grunde Männer wie Frauen bemüßigt, ihre Schamhaare zu rasieren: um dadurch das Gefühl des Kindlichen herauf- und die Zeit vor der Pubertät zurückzubeschwören, ohne sich vermutlich darüber im Klaren zu sein, warum sie das tun; so gehorchen wir stumm der Diktatur des Mammons, in diesem Falle den Herstellern von Enthaarungsprodukten, der wir bereits dermaßen verfallen sind, dass uns der Haarwuchs unhinterfragt unhygienisch erscheint, wir also den ganzen industriellen Werbe-Quatsch glauben und dabei zu vergessen geneigt sind, dass Haare ehemals als Symbol der Kraft und der Potenz gegolten haben und deshalb im Schambereich logischerweise dann wachsen, wenn der Mensch Geschlechtsreife, sprich: Potenz erwirbt, eine Potenz, auf die nun freiwillig verzichtet wird. Sag jetzt nichts; ich spüre deine kritischen Augen, die mich in diesem Punkt verfolgen.

(aus: Drei Tage drei Nächte, Septime-Verlag 2018, S. 134)