Im Monat des Abschieds erreicht die Verlegerin Monika Fuchs das Paket mit einer Neuauflage von Saskias Gespenster. Neu ist auch das Cover, alt die Frage nach dem Umgang mit dem Tod.

Dem Loslassen.

Die Fähigkeit zu trauern ist beinahe allen unseren sogenannten zivilisierten Gesellschaften abhanden gekommen, obgleich sie uns befähigt, eine Balance wiederzufinden und dem Leben mit Freude zu begegnen in allem, was es bereit hält. Zu betrauern gibt es einiges in dieser unserer Zeit. Heute hörte ich eine Heilerin sagen: Es sind die ungeweinten Tränen, die krank machen. Und: Es gibt ein Mittel, das sie bei ungeweinten Tränen verabreicht und das zufällig ebenso bei Geschmacks- und Geruchsverlust als wirksam angezeigt wird. Ein anregender Gedanke, der den Fokus vom Außen auf das Innen verlagert, das sich nicht nur in der Drehbuchtheorie gegenseitig bedingt.

Die Geschichte von Saskia ist für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geschrieben. Darin geht es um ein zwölfjähriges Mädchen, Saskia, das ihre Eltern bei einem Autounfall verliert. Und somit eine Wand um sich herum aufzieht. Aus Granit. Erst als sie Gespenster trifft, die sich statt gegen das Leben – wie sie – gegen den Tod stemmen, kommt es zu einer unfreiwilligen Auseinandersetzung mit der Frage: Was bedeutet Loslassen? Und zu der Erkenntnis, dass das Leben den Lebenden gehört und der Tod den Toten, bis das eine unweigerlich zum anderen führt. – Ein lebensbejahendes Buch für alle, die sich nicht scheuen, dem Sterben den Platz einzuräumen, den es im Leben einnimmt.

Eine schöne Rezension gibt es auf der Seite der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW.

Und da ich gerade Rilke wieder entdeckt habe:

Ich lieb ein pulsierendes Leben,
das prickelt und schwellet und quillt,
ein ewiges Senken und Heben,
ein Sehnen, das niemals sich stillt
(Werke III, Leben und Lieder)

Mon cœur s’ouvre à ta voix Comme s’ouvre les fleurs Aux baisers de l’aurore!

Vor Publikum lesen – lang ist es her; umso mehr freuen wir uns auf einen ganz besonderen Abend, der Literatur und Gesang in den Mittelpunkt rückt:

Im Cellostudio Linz begegnen sich mit Corinna Antelmann und Dine Petrik (Literatur) und Yoon Mi Kim-Ernst (Mezzosopran) und Ki Yong Song Klavier) abermals Musik und Text. Auf dem Programm stehen unter anderem die Séguedille aus Carmen, Händels Lascia ch’io pianga und das Ave Maria von Schubert. Den literarischen Part übernehmen die Lyrikerin Dine Petrik, die aus ihrem Gedichtband Traktate des Windes liest, und Corinna Antelmann, in deren Roman Vier eine Klavierlehrerin sich während der Proben zum Ave Maria in Variationen der Liebe verliert.

Wo soll das hinführen, wenn man den Tönen erlaubt, miteinander zu kopulieren?

Hier gibt es einen Probeneinblick in den kommenden Abend, der am 27. August um 19 Uhr im Cellostudio Linz stattfinden wird, finden Sie hier, und da wir aufgrund der Maßnahmen in Bezug auf Covid19 nur gering bestuhlen können, wird es die Möglichkeit zum Nachhören des gesamten Abends geben. Schon bald auf dieser Seite …

Ermöglicht wird die Veranstaltung durch die Grazer Autorinnen Autoren Versammlung.

Es ist soweit: Das Buch ist nun erhältlich! Spargel in Afrika liegt in wundervollem Gewand vor – Monika Fuchs sei Dank.

Alle machen wir irgendwann die Erfahrung, in der Generationenfolge aufzurücken und den Platz der Eltern einzunehmen. Vom Genährtwerden zum Nähren. Vom Reden zum Schweigen. Und passend zur druckfrischen Neuerscheinung gibt es außerdem bereits einen Höreindruck in der Sendereihe Aufören – Literatur zum Wochenausklang, gesprochen von Gunther A. Grasböck, für dessen Engagement ich mich hiermit bedanke.

Es handelt sich hier um die siebte Folge der Sendereihe des Freien Radios Freistadt, in der Ausschnitte meiner diversen Werke vorgestellt werden.

 – Juli 2020, anlässlich der Entscheidung in Oberösterreich, nach der Entdeckung eines Clusters in fünf Bezirken ausnahmslos alle Veranstaltungen abzusagen (auch outdoor und gewissenhaft organisiert wie in Ottensheim) und alle Schulen und Kindergärten zu schließen. –

Wir sollten entscheiden, wie wir als Menschen leben wollen und uns gewahr zu werden, wo es hingehen soll mit dieser Menschen-Gemeinschaft. Frage: Was macht eine Gesellschaft aus? Woher nehmen wir Sinn und Gehalt und Nahrung für die Seele? Das Gefühl für Schönheit? Die Freude und innere Gesundheit?

Der Weg dorthin ist ebenso gepflastert mit Entscheidungen, zum Beispiel die Entscheidung, wie wir mit unserem Leben umgehen wollen. Und zwar langfristig, weil Krankheiten uns weiterhin begleiten werden, je länger wir das Leben weiterhin mit Füßen treten, missachten, und uns von allem Verbindenden und Verbindlichen abschneiden.

Anfang Juli stieg in Oberösterreich die Zahl der Infizierten abermals (und erstmals in diesem Maße nach dem Shutdown), nicht ganz überraschend für alle, die ohnehin Vorsicht haben walten lassen, um ihren Wiedereinstieg ins berufliche und gesellschaftliche Leben nicht zu gefährden, zum Beispiel uns KünstlerInnen. Nach dem kurzen Aufatmen dann kamen erste zarte Bemühungen (und hier kommt die persönliche Betroffenheit), als Kunstschaffende unter Berücksichtigung von Vorsichtsmaßnahmen an Strategien zu basteln, die Veranstaltungen möglich machen könnten, wie es gehen könnte, ohne Teil des Problems zu werden, sondern Teil einer Lösung zu sein. Dieses erstes Wiederaufblühen ist noch vor der Blüte (vor der Ernte sowieso) wieder niedergetreten worden. In meinem Falle: eine Freiluft-Lesung mit Kollegin Irene Kepl in kleinem Rahmen, mit Abstand und Maske,ohne direkten Körperkontakt. Durch die pauschale Absage an ALLE Veranstaltungen in fünf oberösterreichischen Bezirken, ohne Differenzierung, musste sie ausfallen, während alles andere unangetastet blieb, selbst die Maskenpflicht nicht mit sofortiger Wirkung wieder eingeführt wurde. Aha. Kultur, und ebenso pauschal die Bildung unserer Kinder, deren Schulalltag abermals von einem auf den anderen Tag ausgesetzt wurde (das trifft mich als Mutter UND freischaffende Künstlerin doppelt), das zutiefst Humane, Sinnstiftende, Nährende, gelten also als weniger wert, weniger relevant als die Bereiche, die uns in erster Linie als KonsumentInnen sehen?

Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass Geld nicht sinnstiftend sein kann und auch nicht heilend. Ja, Unterstützung braucht es dennoch – für viele von uns, und ich bin dankbar, in einem Land wie Österreich aufgefangen zu werden, aber: Es geht nicht nur um Geld; der Mensch will (allen anders lautenden Meinungen zum Trotz) arbeiten! Ich will arbeiten, ja, denn ich halte Arbeit für wichtig und erfüllend. Meine Eltern wollen Berührung und mein Kind will eingebettet sein in soziale Zusammenhänge und sein Recht auf Bildung ausüben (anders lautenden Meinungen zum Trotz, auch hier). Studierenden wollen „in Beziehung“ lernen, bevor die Wut um sich greift, die jede Solidarität in ihren Flammen erstickt. Fallengelassen zu werden, aber als Konsumentengruppe willkommen zu sein, das hält eine kindliche Psyche bedingt aus.

Fallengelassen zu werden, weil es sich nicht rechnet, hält niemand aus.

Also fragen wir uns bitte, und ich frage auch Sie, Herr Stelzer: Wie wollen wir die Säulen Gesundheit, Kultur, Bildung stabilisieren, auf denen jede Gemeinschaft fußt? Wie wollen wir der allgemeinen Frustration entgegenwirken: von den Kindern, den Eltern, von all jenen, die ihre Arbeit nicht ausüben dürfen, nicht berührt werden, nicht gehört werden, keine Stimme haben, keine Sprache? Bitte, bitte keine undifferenzierte Willkür mehr, wann welche Maßnahmen getroffen werden. Allein deshalb, um die Solidarität ALLER nicht zu gefährden. Wo ist Vorsicht sinnvoll, unvermeidbar und zielführend, wo pauschal, undurchsichtig und krankmachend, ja, kränkend? Bitte, überlegen wir eine Strategie, die soziale, psychische, emotionale, kreative Aspekte vor Umsätze reiht.

Denn auch deshalb will ich arbeiten und sehe es als sinnstiftend an, (im Rahmen des Möglichen) öffentlich zu lesen, gemeinsam auch mit Schüler und Schülerinnen: Weil über das Geschichtenerzählen das Staunen, Atmen, Denken, ja das Menschliche, in den Vordergrund gerückt wird. Alles, was je erzählt wurde und wird, drückt das Gemeinsame aus, das Verbindende, das, was das Leben ausmacht, statt durch voranschreitende Ökonomisierung an Lifestyles zu stylen, die uns zu unterscheiden versuchen. Wir sind keine Einzelwesen, sondern brauchen jede Einzelne mit dem, was er oder sie tut und ist. Den politischen EntscheidungsträgerInnen sei an dieser Stelle empfohlen, sich gelegentlich mit der schreibenden Zunft auseinanderzusetzen. Wir sitzen alle in einem Boot, allein dadurch, dass wir Menschen sind. Auch das erfahren wir gerade. Wir sind Gesellschaft und sollten die Verantwortung übernehmen: uns selbst und unserer Umwelt gegenüber. Wie können wir uns gegenseitig schützen, wertschätzen, unterstützen? Wie können wir verantwortungsbewusst handeln, ohne das Leben fallenzulassen?

Nehmen wir unser Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit ernst.

Danke.

 

»Bist du Dramaturgin?«, frage ich, und sie sagt: »Lass mich in Ruhe mit dem Drama; es ist genug. Eines Tages werde ich die Filme machen, die mir gefallen.«

Literatur, go!
Die Dreharbeiten zum Dokumentarfilm, der unser Projekt Fragmente – die Zeit danach (Promedia, Buch ab Oktober im Buchhandel erhältlich) abschließt, sind in vollem Gange – dank Marlen Schachinger und Robert Gampus. Interviews mit den Autorinnen, die für die Anthologie geschrieben haben, VertreterInnen von Buchhandel und Literaturbetrieb, Verlagen und der IG AutorInnen, werden Einblicke in die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Autorinnen geben (Bemerkung am Rande: sogar in der ZEIT gibt es anlässlich der Preisverleihung an Elke Erb und Helga Schubert den Satz „und so wird aus der Sympathie für die nette Oma am Ende ein hochverdientes Lob der alten Dame“) Erste Eindrücke gibt es hier, Premiere wird am 11.10. in Wels stattfinden; andere Programmkinos folgen …:

Vorbestellungen möglich!

Ende Juli erscheint erscheint Spargel in Afrika in der Prosafassung im Monika Fuchs Verlag. Geschrieben für Thomas Bammer in der Rolle des Sohnes würde die Bühnenfassung nach seiner Uraufführung am Landestheater Linz bereits mehrfach aufgeführt, nun liegt der (längere) Text vor.

Für alle, die sich wiederfinden in einer leisen, persönlichen Erzählung zwischen Melancholie und Ironie. Hier findet ein Monolog statt, der sich als Dialog verkleidet, als wortreiche und zugleich sprachlose Auseinandersetzung eines fürsorglichen Sohnes mit seinem lebensmüden, neunzigjährigem Vater, der im Krankenhaus liegt und sterben wird. Der Sohn spürt, dass auch er älter wird, und in der Generationenfolge den Platz seines Vaters einnehmen wird. Während dieser womöglich letzten Begegnung berühren beide das Thema des Nährens und Genährt-Werden als universelles Bedürfnis des Menschen. Gemeinsame Essens-Erinnerungen helfen ihnen, eine Übereinstimmung zu finden, dort, wo es unmöglich geworden zu sein scheint, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu verbalisieren.

„Was fehlt dir, Vater?“, frage ich ihn und gebe mir die Antwort selbst: Nichts natürlich. „Du hast alles, was du brauchst.“

Es gibt den Zeitpunkt im Leben einer Autorin, da muss sie handeln, will sie handeln und die Sprachlosigkeit überwinden. Der Shutdown diente und dient als Lupe, die einen vergrößerten Blick auf die Strukturen wirft, in denen wir leben. Er rückt Ungleichgewichte in den Fokus in allen Bereichen des Lebens: finanziell, sozial, familiär, gesellschaftlich, künstlerisch. Nehmen wir die Literatur. Sie scheint als wenig systemrelevant zu gelten, zugleich jedoch zeigt uns die Zeit, wie sehr sie unser Verständnis für Persepktiven und Möglichkeiten erweitern hilft und Räume entstehen lässt, die wir kraft der Vorstellung betreten können und diesem Vorstellbaren eine Form verleiht.

Marlen Schachinger und Robert Gampus haben das Crowdfunding-Projekt Arbeit statt Almosen ins Leben gerufen, um der Ohnmacht etwas entgegenzusetzen und der Sprache von Autorinnen eine Öffentlichkeit zu schenken. Literatinnen werden, vor allem im Bereich der sogenannten ernsten Literatur und in den systemrelevanten (?) Verlagen, noch immer weniger verlegt und ihre Werke nach dem Erscheinen weniger besprochen als die der Kollegen. Es könnte sein, dass ihre Geschichten, ihr Zugang, ihre Sprache, nicht den Strukturen, nicht den Beurteilungskriterien entsprechen, die wir unhinterfragt als allgemeingültig gelten lassen, heißt: von DIESER Gesellschaft geprägt, aus einer dann doch männlichen Tradition heraus.

Ich denke, ich spreche für alle Kolleginnen, die sich dem Projekt angeschlossen haben, dass wir überzeugt sind, es braucht jede Einzelne und jeden Einzelnen, um eine Gesellschaft zu sein. Es braucht die diverse Sprache und den individuell geprägten Blick auf die Welt. Und wir glauben an die Kraft der Literatur, an ihre Bedeutung – auch und gerade in Zeiten von Krisen. Um ihr zu entfliehen, sie zu betrachten, sie zu überwinden. Um zu verstehen, wie sich Menschen verhalten, wenn sie in Krisen geraten oder sie vermeiden. Ein Buch zur richtigen Zeit am richtigen Ort kann Impulse geben, die nicht nicht allein dem eigenen Leben eine neue Richtung geben.

Dank der zahlreichen Spenden kann die Anthologie mit dem Titel Fragmente – Die Zeit danach im Oktober 2020 im PromediaVerlag erscheinen – in ihr die Beiträge von 19 Autorinnen, die sich mit dem Thema Krise auseinandersetzen: Was erwächst aus möglichen Krisen? Überwinden wir sie? Welche Spuren hinterlassen sie? Eine Krise verändert unweigerlich, verändert auch Strategien, wie zum Beispiel, den Mund zu halten. Nehmen wir es in die Hand und warten nicht länger. Geben wir unseren Stimmen die Öffentlichkeit. Überwinden wir hier die Krise der Sprachlosigkeit, auch wenn die Furcht vor ihr möglicherweise bestehen bleibt, solange sich die (Erzähl-)Strukturen nicht grundsätzlich ändern. Zumindest behauptet die Protagonistin meines Textes, eine, ich gebe es zu, eher unzuverlässige Erzählerin …

Ich freue mich auf ein ungewöhnliches Buch in ungewöhnlicher Zeit.

Buch und Hörbuch schon bald im Buchhandel erhältlich. Die Dokumentation hat am 11.10 im Programmkino Wels Premiere.

Ina will nichts mehr hören. Weder von Mondmännern noch von Krankheit und am allerwenigsten vom Tod. Sie steht auf und verlässt ihren Vater, die Bücher, die Internetseiten, den ganzen hilflosen Versuch etwas aufzuhalten, was nicht aufzuhalten ist. Wohin soll sie gehen? (Im Schatten des Mondes, Monika Fuchs Verlag, 2018)

Eine Woche lang Steiermark und Lesungen aus einem Buch, in dem es darum geht, Krankheit als Teil des Lebens zu akzeptieren. Um den Versuch, mit ihr zu leben, statt verzweifelt sogenannte Normalität herstellen zu wollen. Sich mit Gegebenheiten auseinanderzusetzen und den eigenen Weg zu finden, zu sehen, was da ist, statt auf das zu starren, was fehlt. Den Gedanken, nicht in den Kategorien von Mangel zu denken. Den Appell, ein Leben zu suchen und zu finden, das dem jeweils einzelnen Menschen entspricht.

Danke an die Buchhandlung Hofbauer für die Begleitung, den engagierten LehrerInnen und SchülerInnen für die vielen Fragen und anregenden Gespäche, die Aufmerksamkeit, den wachen Austausch.

So schön kann Lesen sein.

„Gute Erholung“, sagt mein Freund Oliver, als er erfährt, dass ich in Bad Hall einen Monat lang an meinem neuen Roman arbeiten werde.

Was bedeutet: Die Arbeit an einem Roman? – Sitzen, schreiben, schreibend sitzen, sitzend schreiben. Denken? – Auch. Gehen? – Um zu denken.

«Man muss über jeden Gedanken froh sein – merk dir das – ; verachte es nie, sorgsam irgendeinen Gedanken in irgendeinem Moment zu notieren.» (Ludwig Hohl)

Wieder schreiben. Und dabei jede Form der Zerstreuung meiden und versuchen, Kontakt herzustellen: mit sich selbst, der Welt, dem Vorhaben. Das ist der Sinn von Auszeiten und die Sinnhaftigkeit von Aufenthaltsstipendien (dem Land Oberösterreich sei Dank): Den Kopf zu durchlüften, denn nur ein freier Kopf kann … erfinden, wie es Handke postuliert, der Lebensspur folgen (Christa Wolf), schöpfen, finden, zusammenfügen, erahnen …? Die Arbeit an einem Roman kann vieles sein, aber sie benötigt einen Raum. Und Zeit. Und Geld.

Warum noch schreiben?

Um die Räume des Möglichen zu bewahren. Sich anzubinden an das Sein. Dem Gerenne entkommen, vielleicht dem Tun (auch Schreiben IST ein Tun). Der Technik, dem Technischen, dem Wettlauf mit der Zeit, den Wettlauf mit „dem Markt.“

Ich unterrichte Plotstrukturen und widme mich derzeit (dennoch?) dem Thema: Braucht es eine Handlung? Sind Erzählstrukturen (wie wir sie kennen) männlich? Ist das Fiktive dem Alltag überlegen? Die Reflektion der Abbildung? Oder umgekehrt? Das Denken der Erscheinung? – Lässt sich die Essenz des Lebens erahnen im Prozess des Gestaltens selbst?

In dem Manuskript, an dem ich gerade arbeite muss sich mein Protagonist von seiner Geiselnehmerin (die ihn zum Innehalten zwingen will) Folgendes anhören: „Vorschnelle Handlungen lassen die innere Stimme verstummen, ja, viele Menschen gönnen sich keine Ruhe vor Handlung und Bewegung, eben um dieser inneren Stimme auszuweichen.“ Und damit schaltete sie das Licht aus.

„Und warum?“, so fragt er am Ende die Frau, „warum hast du beim Schreiben schlussendlich Handlung eingebaut und diese Handlung auf ein Ziel hin angeordnet? Wenn du doch eine Frau bist?“

Die Antwort steht geschrieben.

Die nordfriesischen Halligen lassen mich nicht los, seit ich mit siebzehn Jahren das erste Mal nach Langeneß übersetzte. Seit Neuestem schleichen sie sich in meine Texte, und hinfahren tue ich auch wieder, um anzuknüpfen, wo es anfing: Mit dem Reisen. Der Weite. Dem Fragen. Dem Lieben.

Ja, es wird weiter gefragt und weiter auf die Hallig gefahren. Und das Reisen geht jederzeit, so stelle ich mir das vor – wie in meinem neuen Bilderbuch Urlaub ahoi (ab März 2020 im Tyrolia-Verlag) dem eine Kurzgeschichte zugrunde liegt:

Am dreizehnten Tag spüre ich es plötzlich: Das Haus bewegt sich. Und das ist jetzt kein Witz. Ein Blick durch das Fenster zeigt mir weit und breit weder Erde noch Grashalm. Sofort denke ich an die Halligen, über die ich soeben gelesen habe. Oben in Nordfriesland in Deutschland ragen sie als kleine Inseln aus der Nordsee. Wenn es zu stürmisch wird, nimmt sich das Meer das ganze Land, und nur die Häuser schauen noch aus dem Wasser hinaus. So auch wir. Unser Haus, meine ich.