„Selbst der Plastiksack eines Einkaufszentrums kann Anlass für ihr Entzücken sein“, schreibt Peter Turrini in einem Liebesgedicht über das Verhalten von Verliebten. Diese Wahrheit wiederum entzückt mich. Und dass ich im Café des Schloss Wartholz lesen konnte, in dem Peter Turrini 2007 den Literatursalon eröffnete, entzückte mich ebenso – wenngleich auf nicht vergleichbare Weise. Vergleichbar jedoch ist die Freude am geschriebenen Wort mit dem Lesen von Worten, die von einem derart aufmerksamen Publikum aufgenommen werden. Es war mir eine ausgsprochene Ehre, hier zu lesen und anschließend anregende Gespräche zu führen. So möchte ich Herrn Blazek für die Einladung danken und Frau Rath für die lebendige Betreuung und allen Zuhörerinnen für das gemmeinsame Erleben des Abends. Verliebt habe ich mich in den gemeinsam betretenen und eröffneten Raum. Entzückt haben mich die Reaktionen.

Bevor AutorInnenbegegnungen an Schulen dank überarbeiteter Kulturpolitik ins Klo hinuntergespült wurden, haben Erich Gusenbauer und Michaela Lauth von der Michael-Reitter-Schule in Linz 20 Jahre lang an ihrer Schule Lesungen und Workshops organisiert, u.a. mit Renate Welsh, Franz Sales Sklenitzka, Alfred Komarek, Georg Bydlinski, Stefan Karch, Patrick Addai. Auch ich besuchte die Integrationsklasse, mit einem damals noch unveröffentlichten und unillustrierten Text. Als Ergebnis des gemeinsamen Prozesses gaben wir bei dem Papierfresserchen-Verlag im Anschluss ein Buch heraus: „Allein mit einer Hexe“ ist in vielen arbeitsamen Stunden entstanden, bebildert von den ErstklässlerInnen selbst, die den Hauptfiguren ihre Gestalt verliehen, das Setting ihren Vorstellungen gemäß gestalteten. Nun ist es auch als Ebook erhältlich. Ängste vor unerwarteten Begegnungen werden hier aufgelöst und im Klo lauern Hexen darauf, die Förderungen nicht abfließen zu lassen …

Um es mit Konrad Bayers Worten zu sagen: „allgemein ist neben dem fahrrad weniger vielleicht. wird das fahrrad solchermassen beiläufig zweifellos?“ (Konrad Bayer: Sämtliche Werke. Überarbeitete Neuauflage 1996, 1985/2018. Klett-Cotta: S. 448). Nachdem mir das Fahrrad gestohlen worden ist, das mir der Freundeskreis der Künstlerwohnung Soltau e.V. netterweise zur Verfügung gestellt hat, war es hilfreich, Konrad Bayer zur Hand zu haben. Ansonsten war es hilfreich, im Herzen der Lüneburger Heide über der Bibliothek Waldmühle an einem neuen Roman schreiben zu können und öffentlich zu lesen.

Gastaufenthalte sind ein wichtiger Teil der Kulturförderung, allen Stimmen, die zuletzt dagegen gehetzt haben (nicht zuletzt aufgrund von möglicherweise missverständlichem Verhalten einiger StipendiatInnen), möchte ich entgegenhalten: Wir arbeiten. Und: Es liegt ein unschätzbarer Wert darin, außerhalb der alltäglichen Verrichtungen wiederum der inneren Stimme zu lauschen. Das gilt nicht allein für AutorInnen, aber möglicherweise liefern sie diesen ihren Beitrag: dass sie den inneren Stimmen eine Stimme verleihen und sich den Raum dafür nehmen, dieser Stimme eine Form zu verleihen. Ihn zur Verfügung gestellt bekommen. Ich möchte mich bei dem Freundeskreis bedanken: für das Rauschen der Wassermühle, die wunderbare Betreuung, die Möglichkeit, ungestört arbeiten zu können. In Norddeutschland bin ich aufgewachsen, so heiß wie jetzt im Juli war es nie; der Klimawandel macht sich bemerkbar. Auch in Bezug darauf sollte weiterhin die Stimme erhoben werden. Der Rest ist Konrad Bayer.

Es gibt zwei neue Spieltermine für Spargel in Afrika:
02. November im Gasthof zur Post, 20 Uhr, Ottensheim
20. November im Kulturzentrum AKKU, 20 Uhr, Färbergasse 5, Steyr

Spargel in Afrika ist ein gemeinsames Theaterprojekt mit Thomas Bammer, ein Monolog, geschrieben für ihn, basierend auf Erinnerungen an seinen Vater, meinem Schwiegervater. Erzählt wird die Geschichte eines Sohnes, der in Kürze in der Generationenfolge aufrücken wird. Das Stück reflektiert das Verhältnis von Vater und Sohn, gespielt von einem Schauspieler und einer Puppe, und thematisiert zugleich den Blick des Sohnes in seine eigene Zukunft als alter Mann. Zugrunde liegen dem Text Gespräche mit beiden Männern, die gleichsam fiktionalisiert worden sind.

In der Absicht, seinen neunzigjährigen Vater zu besuchen, findet ein Sohn nicht das vor, was er erwartet hatte. Es beginnt eine Reise durch fremde Länder, gemeinsame Erinnerungen, gutes Essen und gelebte und nicht gelebte Emotionen und Konflikte. Und immer wieder kreist das Gespräch um den Genuss und die Zubereitung von Mahlzeiten und der Frage, wer für wen Sorge zu tragen habe. „Was fehlt dir, Vater?“, frage ich ihn und gebe mir die Antwort selbst: „Nichts natürlich. Du hast alles, was du brauchst.“

Peter Klimitsch stellt nach der Aufführung am Landestheater Linz vom 12.5.2018 die Frage, ob es gelingen könne, sich die eigene Kindlichkeit zu erhalten, Sohn zu bleiben, aber auch selbst Vater, Mann, Ehepartner: „Die Fragen der Bewältigung all der verschiedenen sozialen Rollen ist entscheidend für jede und jeden von uns. Ausgehend von einem Blick in die eigene Familie lädt die Familie Antelmann-Bammer mit ihren künstlerischen Mitteln, Literatur und Theater, ein, sich damit auseinanderzusetzen, sich selbst darin zu finden und zu reflektieren.“ Nachzulesen ist seine Rezension in seinem Blog Nosing Around.

Eine weitere Rezension gibt es von Rudolf Habringer, der schreibt: „Knapp vor dem Tod des Vaters erinnert Thomas Bammer als Sohn an diese Episode, aber nicht anklagend oder rebellisch. Eher stellt sich eine versöhnliche Annäherung ein, ein liebevolles Begleiten, eine gedämpfte Traurigkeit über das Fehlen einer Nähe, die es nie gegeben hat.“

Text: Corinna Antelmann
Regie: Julia Ransmayr
Spiel und Produktionsleitung: Thomas Bammer
Puppe: Marianne Meinl
Assistenz Puppe: Simone Riedl
Puppengarderobe: Sandra Sekanina
Video: Stefanie Altenhofer

Die Komponistin und Geigerin Irene Kepl und ich haben uns zusammengefunden, um Violinenspiel und Romanauszüge zu einem textuellen Gewebe aus Musik und Sprache, Improvisation und Gedrucktem zu verbinden.

KA PUNKT

„Öffne deinen Schädel doch nur einen Spalt, damit ich deinen
Geist ertasten kann. Ich kann mir diese Textzeile gut merken,
da ich sie immer melodisch gesetzt höre und Musik
bekanntlich hilfreich ist in Sachen Erinnerung oder auch: verfälschter Erinnerung.“
(Corinna Antelmann, Drei Tage Drei Nächte. Roman, Septime 2018)

Zugrunde liegt dem Programm der Roman Drei Tage drei Nächte (Septime-Verlag, März 2018). Hierin bewegt sich die Protagonistin um ihre Gedanken kreisend; Irene Kepl wurde kürzlich die CD von Violet Spin veröffentlicht (unit records, 2018), letztes Jahr hat sie u.a. sehr erfolgreich ihre erste Solo-CD SololoS (fou records, 2017) herausgebracht und arbeitet aktuell bereits an neuen Solo-Aufnahmen, die sich mit eigenen Kompositionen, Improvisationen und Bachs Solosonaten auseinandersetzen.

Nächster Auftritt am Samstag, 01.12.2018 um 19 Uhr im Salon 27 in Berlin