Angesichts der gegenwärtigen Krisen haben Utopien Konjunktur. Wo wollen wir hin? Was soll bleiben? Was sich ändern? Kurz: Wie können Utopien heute aussehen?

Dieser Frage widmet sich Der schwierige Raum, erschienen im Drei Masken Verlag:

Vier Personen betreten einen leeren Raum, den sie nach und nach mit den “richtigen“ (?) Ideen füllen wollen, aus denen sich die ideale Gesellschaft formen lässt. Dafür beginnen sie, mit den zahlreichen Entwürfen zu spielen, die in der Geschichte bereits entwickelt worden sind, um nach Lösungen für die Grundprobleme menschlichen Zusammenlebens zu suchen. Schon bald jedoch entpuppt sich die Suche als schwierig. Denn allzu schnell werden gutgemeinte Vorschläge zu einem starren Regelwerk, das Missgunst und Unfreiheit hervorbringt. Das Wertesystem bleibt im Bekannten verstrickt und schnürt die Einzelnen in ein Korsett. Am Ende schwebt die Frage im Raum: Wie flexibel kann Gesellschaft gedacht werden? Und was ist eigentlich mit der Demokratie?

AGAPE:
Zu Beginn ist nichts, nicht schwarz und nicht weiß,
nicht rot, nicht grün. Wir treiben in unserem Leben
und wissen weder wohin noch woher, bis sich
unerwartet ein Raum auftut. „Füll mich“, sagt der
Raum, „mach, dass etwas wird.“ Und ich verspreche es,
aber dann fällt mir ein, dass ich nicht weiß, wie der
Raum ausgestattet werden soll. Was braucht er? Was
brauchen wir? Das ist mir zu kompliziert, und ich
finde keinen Faden, an den sich anknüpfen ließe.
„Fang irgendwo an“, sagt der Raum, und ich nicke. Er
wartet. Ich spüre es. Und ich warte. Und dann habe
ich diese Eingebung, dass niemand allein bleiben muss
mit der Zukunft, und deshalb starte ich den Aufruf.
Genau. „Da ist ein Raum“, schreibe ich, „der wartet
darauf, Wirklichkeit zu kreieren“. Und dann die eine
Frage: „Wer macht mit?“

 

Herausgegeben von Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Bergthaler (JKU Linz, Haslinger und Nagele) liegt nun das Essay Das Drama (mit) der Gerechtigkeit vor, das zudem Gegenstand einer Gast-Vorlesung im Fachbereich RECHTSWISSENSCHAFT war.

In dem Text schaue ich mir Prozess-„Geschichten“ aus dramaturgischer Perspektive an.

Machen wir uns das Vergnügen (oder die Mühe) und betrachten wir die Situation vor Gericht – Anklage, Verhandlung, Urteil – als wäre sie eine Geschichte, genauer noch: als einen Film. Denn jeder Inszenierung, also auch der Verhandlung, liegt eine Erzählung zugrunde und jeder Erzählung wiederum wohnt ein universeller Aspekt inne. Das betrifft auch die „Geschichte“, die uns im und aus dem Gerichtsraum entgegenschlägt […]

Es stellt sich die Frage, wie wir in Zeiten hochemotionalisierter Prozesse zu einem Urteil kommen können, dem ein Prozess der Reflektion vorausgeht. Nur die Reflektion kann Affekte, die unmittelbar auftreten und nicht selten der Projektion dienen, in Mitgefühl verwandeln.

Da jede Form der Inszenierung emotionalisiert, auch ungewollt, braucht es ein Verständnis davon, wie und durch welche Mittel Emotionen im szenischen Rahmen aktiviert werden, zumal dann, wenn die Emotionalisierung der Öffentlichkeit überhandnimmt. Wichtig bleibt hier, die Vorgänge vor Gericht davon unbeeinflusst zu lassen, statt die einmal aktivierten Emotionen auch noch zu bedienen, nur um der Öffentlichkeit zu gefallen, beziehungsweise der eigenen Eitelkeit zu erlauben, innerhalb des Verfahrens in Posen zu verfallen, wie es Hannah Arendt im Eichmann-Prozess dem Staatsanwalt Gideon Hausner attestierte […] Emotionalität darf die ja anzustrebende Objektivität nicht ablösen, während zugleich Klarheit darüber herrschen sollte, dass es keine Objektivität geben kann, in keiner Erzählung. Und jedes Strafverfahren IST eine Erzählung, auch wenn sie innerhalb des Gerichtssaals als Sachlichkeit inszeniert wird.

Für Vorträge, Podiumsdiskussionen, Lesungen und Präsentationen stehe ich gern zur Verfügung.

Nicht zuletzt aufgrund meines Atelier-Aufenthalts in Paliano, der mir Zeit und Muße gab, schreibe ich endlich meine Ode an die Literatur.

Drei verschiedene (fiktive) Personen schreiben in Form von drei Briefen verstorbenen Literat*innen. Dabei gewähren sie Einblick in die eigene Lesebiografie und gehen gleichsam eine Auseinandersetzung mit ihrer jeweiligen Lebens-Phase ein. Die Literatur hilft ihnen über die Schwelle in einen neuen Lebensabschnitt hinweg, und hilft zudem, die jeweilige gegenwärtige Krise zu bewältigen. Es geht um Desorientierung während des Studiums, Unzufriedenheit mit der Bildungspolitik bei der Ausübung des Lehrberufs und schließlich um den Prozess des Älterwerdens als Frau.

Das individuelle Erleben meiner Figuren spricht in den Texten von dem, was uns Literatur zu geben hat: die Einsicht in allgemein menschliches Erleben.

Wir alle arbeiten uns auf die eine oder andere Weise an dem einen oder anderen Menschen ab, weswegen es ja umso zwingender wäre, Vorbilder zu haben, die Orientierung geben statt Rätsel, und es ist kein Zufall, dass auch im Wort Vorbild das Bild enthalten ist. (Felix, 21, an Franz Kafka)

Ja, zwischen rechter Gesinnung und Bildungshorizont, also was ich darunter verstehe: weit schauen können und über den Horizont hinaus, der niemals an dem Punkt endet, wo die Schule den Blick verstellt, gibt es erwiesenermaßen einen engen Zusammenhang. (Günther, 44, an Heinrich Böll)

Aber wehe, ich verhielte mich doch wie eine Frau, das heißt wie eine Frau, die sich statt für Intellektuelles für Windeln interessiert, nein, da lassen wir uns lieber ablichten, wie wir zwar in der Küche stehen, dort aber keinen Topf schwingen, sondern still die Zeitung lesen, um nicht Gefahr zu laufen, doch eine VON IHNEN zu sein. (Annette, 79, an Ingeborg Bachmann)

 

Seit siebzehn Jahren lebe ich in Österreich.

Doch erst jetzt schaffte ich es nach Klagenfurt – nein, nicht zum Bachmann-Wettbewerb, aber zum Grab Ingeborg Bachmanns, das ich als Auftakt zu einer Lesereise besuchen durfte.

Organisiert von der Buchhandlung Besold führte sie mich von Sankt Veit an der Glan über Brückl und Tanzenberg.

Und während mein neuer Roman in der Druckerei vor sich hindruckte, stellte ich hier in erster Linie meine Jugendbücher vor.

Doch ob für Jugendliche oder Erwachsene: Für all mein Schreiben gilt, was ich bereits Walter Pobaschnig gegenüber in seinem Interview über meine Bezüge zu Bachmann sagte:

Wie sie glaube ich an die Notwendigkeit, das Denken zu erlernen, zu erproben und mit Hilfe dieses Denkens zu versuchen, das, was wir fühlen und vorfinden, zu durchdringen und Veränderung herbeizuführen. Ohne die Bereitschaft, sich dem Schmerz und dem Nicht-Verstehen-Können zu öffnen und sich den Fragen auszusetzen, auf die es keine eindeutigen Antworten geben kann, werden wir vermutlich keine neuen Formen des Miteinanders entwickeln. Auch nicht zwischen Mann und Frau. Und dafür braucht es wohl die Introspektion, das Ausdifferenzierte, den gelegentlichen Abstand.

Und den Austausch mit der Leserschaft.

Danke Ingeborg Bachmann. Danke den Begegnungen während der Lesereise.

In der Titelreihe Schöne Bücher Bibliothek erscheint am 1. September 2023 Die Farbe der Sprachlosigkeit – der erste Roman, den ich je geschrieben habe. Er hat für mich nichts an Gültigkeit verloren und behandelt ein Thema, das mich seit immer schon begleitet: Es geht um das Ringen, mit der eigenen Stimme in die Welt zu dringen zu wollen, das ich in meinem neusten Roman, Barcelona Dream, erneut aufgreife. Oder auch: Um die Angst, (als Frau) keine Stimme finden zu können in der Welt, das heißt, unerhört zu bleiben.

Der Text beginnt mit dem Auftreten einer Hautveränderung (auch diesem Thema habe ich mich später in Im Schatten des Mondes abermals gewidmet), die in der Protagonistin Dana Kowalski eine diffuse Angst hervorruft, vor der die Sprache kapituliert. Der violette Fleck wird nach und nach konkret, ein sichtbares Körpermal, das Dana nicht nur die Angst vor dem physischen Tod, sondern zugleich die Angst vor Selbstverlust vor Augen führt.

Danas ungerichtete Flucht vor der Ohnmacht lässt sie den Gang in die Bilder ihres Unterbewussten antreten, der zu einem atemlosen Trip an der Grenze zum Verrückt-Sein wird, und aus dem Leben, wie sie es kennt, hinauswirft. Erst als die Welt gestaltgewordener Angstphantasien sie gänzlich gefangen nimmt und kein Entrinnen mehr möglich ist, fällt Dana eine Entscheidung.

Erste Rezensionen gibt es bereits auf Lovely-books.

Die (Buch)Messe ist voller Bücher, die (christliche) Messe ist es auch. Ja, dieses Jahr ging die Buchmesse für mich mit einem Literaturgottesdienst zu Ende – auf Einladung der sächsischen Kollegin Bettine Reichelt, die zugleich Pfarrerin ist.

Seit ich lesen kann, auch gern und viel, war das so ein Gedanke (Glaube?) von mir: dass die Worte uns retten werden, uns Menschen: vor unserem eigenen Gebrüll, mit dem wir den Schmerz zum Schweigen bringen sollen oder wollen. Mit Worten aber kannst du auch leise sprechen, überlegt, nicht im Sinne von überlegen, sondern von bedacht; da kannst du zeigen, was es dort alles gibt, unter unseren Schädeldecken und in den Herzen.

In Leipzig war es kalt, aber wortreich: während all der Begegnungen in all den parallelen Welten, in denen ich mich tummelte. Ob gemeinsam auf Lesungen mit Kollege Rudolf Habringer im Süden von Leipzig, bei der letzten ehrenamtlich betriebenen Gemeindebibliothek in Mölkau, in Zuckelhausen, in kalten Kirchen und bei aufmerksamen Katzen. Oder auf den Messeständen der Verlage, hier vor allem zu Besuch bei meinen Verlegerinnen Laura Rösner von Edition Roesner, in der ein Vorabdruck meines Romans Barcelona Dream präsentiert werden konnte, der ab Ende Mai im Handel sein wird, und Monika Fuchs vom Verlag Monika Fuchs, wo ich zur Signierstunde der Neuauflage von Der Rabe ist 8 geladen war: Die Menschen sind hier wie dort Suchende, und so lange sie es sind, ist die Literatur vieles, aber sicher nicht tot, ja, noch immer glaube ich vor allem an eines: an die Kraft der Worte und daran, dass die Worte uns weiterhin erreichen und berühren werden und daran erinnern, warum wir leben.

Weil wir Liebende sind?

Jean-Paul Sartre schreibt: „Das ist der Grund für die Liebesfreude, wenn sie existiert: uns gerechtfertigt fühlen, dass wir existieren.“

Danke an Linz Kultur für die Unterstützung der Reise.

Die Leserunde von dem Jugend- und Erwachsenenbuch Der Rabe ist Acht ist abgeschlossen und ich bedanke mich für den regen Austausch. Einige Rezensionen gibt es hier zu lesen.

Die Arbeit an dem Buch begann mit einem Artikel aus der ZEIT, in dem über das Problem von zunehmender Gewalt an Schulen geschrieben wurde. Mich bewegte die Ratlosigkeit, die sich angesichts der Amokläufe in den USA einstellte, und ich wollte der Frage nachgehen: Was bewegt diese Jugendlichen? Mit einem Freund und Kollegen konzipierten wir ein Drehbuch, das sich eben dieser Frage widmete. Die Umsetzung des Films scheiterte daran, dass die Realität uns auch in Deutschland einholte: In Erfurt erschoss der 19-jährige Robert Steinhäuser elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizeibeamten, bis er sich selbst tötete. Er war Schüler am Gutenberg Gymnasium gewesen, an dem die Tat ausgeführt wurde.

Aus dem Drehbuch wurde später der Roman Der Rabe ist 8. Hier konnte ich detaillierter beschreiben, wie alleingelassen sich die beiden Hauptfiguren fühlen, wie überfordert mit den sich ständig ändernden gesellschaftlichen Normen und Werten, den fehlenden Ritualen. Und niemand weist ihnen den möglichen Weg. So träumen sie von radikaler Veränderung, und diese Träume ziehen Konsequenzen nach sich, die sie zunächst nicht überblicken.

Ist das eine mögliche Erklärung? Wie sehen die Alternativen aus?

Mit dem Buch mache ich auch jederzeit Lesungen in Oberstufen. Es bietet sich als Klassenlektüre an.

Bereits zur Buchmesse in Leipzig 2023 gab es einen Vorabdruck und damit einen Einblick in meinen neuen Roman:

Barcelona Dream. Oder: Puppen leben nicht. (Edition Rösner, 2023)

Anhand der Geschichte der ambitionierten Filmemacherin Eva widmet sich das Buch der feinen Wechselwirkung von Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Es handelt von dem (weiblichen) Blick, mit dem meine Protagonistin auf sich selbst und ihre Fiktion schaut und somit gleichsam die eigene Wirklichkeit konstruiert.

Während Eva in Barcelona den Dreharbeiten ihres Regie-Idols Dany beiwohnt, werden allmählich die subtilen Formen von Selbstentwertung sichtbar, die aufgelöst werden müssen, um zu einer selbstbestimmten Positionierung innerhalb der noch immer männlichen (Erzähl-)Strukturen finden zu können.

„Eine Idee macht noch keinen Film“, sagt er. „Du weißt das. Ich weiß das. Für das Schaffen eines Films genügen Träume nicht.“ Den Satz kenne ich. Jean-Luc Godard lässt ihn in Le Mépris Francesca Vanini alias Giorgia Moll sprechen, und niemand in der Runde um Michel Piccoli herum weiß etwas darauf zu erwidern, weshalb das Schweigen im Film erst aufgelöst wird, als Brigitte Bardot fragt: „Wann gibt es Essen?“

Für Lesungen, auch im Zusammenspiel mit Kurzfilmpräsentation, stehe ich gern zur Verfügung.

22.11.22 – nicht nur eine interessante Zahlenkombination (vergl. Der Rabe ist Acht), sondern gleichsam Datum der Erstpräsentation und Erscheinungstermin von „Im Geiste, Anna“ – eine Erzählung. Oder auch: Briefnovelle?

Danke dem Stifterhaus Linz und dem Kollektiv Verlag Graz für die Möglichkeit, dem Text eine Öffentlichkeit geben zu können, und Anna Freud (im Geiste) für die Inspiration von Tagträumen, Psychoanalytischen Überlegungen und Eigenermächtigung:

Unschlüssig nähere ich mich ihr, sodass ich sie beinahe mit meiner Nasenspitze berühre, die im Übrigen auf Nasenhöhe liegt mit der ihren, und auf die Frage, ob ich etwas suche, würde ich gern sagen, den Faden, der mein Leben spinnt oder, anders ausgedrückt, das Garn, aus dem die schönen Geschichten gemacht sind. Und da reicht sie mir ein Spinnrad und sagt: „Spinn dir den Faden deines Lebens oder wenigstens den deiner eigenen Geschichte.“ (Antelmann: Im Geiste, Anna, Kollektiv Verlag 2022)

Weltweit bricht eine Netflix-Serie alle Streaming-Rekorde: Über 64 Millionen Haushalte weltweit sahen die dritte Staffel allein in den ersten vier Wochen und verfolgten mit Spannung die Geschehnisse in Hawkins, warteten geduldig auf die vierte Staffel, die ebenso erfolgreich war; nun beginnt das Warten auf die fünfte.

Die Rede ist natürlich von Stranger Things, so der Name der von den Duffer-Brüdern für Netflix entwickelten Geschichte, die alle Menschen der älteren Generation zurückführt in die Achtziger und ihnen entzückt die Gegenstände vor Augen führt, die ihr eigenes Jugendzimmer bevölkert haben, während sie ebendort die Musik in Erinnerung ruft, die aus unseren Kassetten-tapes brummte – in miserabler Qualität, verglichen mit der, die nun überrascht aufhorchen lässt. Und auch die jüngere Generation führt sie somit in die Vorstellung der vergangenen Zeit, aber zugleich, und was viel wichtiger ist, führt sie uns alle gemeinsam zugleich hinein in die tiefen Schichten des Verdrängten. Ja, dort hockt es, das Verdrängte: im Upside Down, unter uns, oder auch über uns, in eben der Welt, die wir bewohnen, in einer Schicht, die wir lieber nicht anschauen (außer auf Netflix). Denn dort landet all das, was wir in unserer Tagwelt nicht gebrauchen zu können glauben. Das Upside Down erscheint als Sinnbild des Unbewussten, während das Unbewusste wiederum als ein Hort von Vertrautem gilt, das verdrängt werden musste, um in die symbolische Ordnung* treten zu können.

Laut Freud besteht die Funktion des ES für die Gesellschaft (in diesem Falle: für Hawkins) darin, dass der Mensch nur auf Grundlage dieses verdrängten Triebhaften eine Zivilisation errichten und als gesellschaftliches Wesen agieren kann. Er braucht also einen Ort, wo er seine unaustilgbare animalische Natur verstecken kann: Das dämonisch Fremde ist zwar ein dämonisch Eigenes, jedoch in das Vergessen gerückt.

Sollte es Stranger Things gelingen, das in Erinnerung zu rufen? Womöglich zugleich zu erzählen, wie wirksam diese Verdrängte sich global über (unter) die gesamte Welt spannt und zu einem gefährlichen Gewebe verklebt, das kaum mehr zu durchtrennen ist, sondern an mehreren Stellen der Welt gleichzeitig aufbricht und alles Lebenden bedroht, ja, das Leben als solches? Wenn dies gelänge, dann zeigte das abermals, inwieweit das filmische Erzählen seinerseits mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit verwoben ist und aufgreift, was allerorten spürbar ist.

Mit dieser Verwobenheit allerdings geht auch die Verantwortung einher, die erfolgreiche Serien innehalten. Denn sie sind gegenwärtig die Ausdrucksform filmischen Erzählens, der es gelingt, die größte Zahl von Menschen zu erreichen, sodass sie, gewollt oder nicht, wie alle Geschichten Einfluss nimmt auf das Bild, das wir uns von der Welt zeichnen, und von der Idee, wie wir Menschsein begreifen. Netflix wächst derzeit zu dem potentesten Geschichtenerzähler unserer Zeit und prägt maßgeblich ganze Generationen generationsübergreifend.

Und weil dem so ist, und weil in dieser Möglichkeit globalen Erzählens im Sinne der Reichweite nicht nur Macht, sondern auch Chance liegt, ist es umso wichtiger, sich eben den Erzählinhalten gewahr zu werden, ja, sie gegebenenfalls zu überprüfen.

Meine Euphorie über die Darstellung des Mechanismus‘ von Verdrängung und der offenkundigen Notwendigkeit, einen Blick in das Upside Down zu werfen, warf sich in Staffel Vier auf die Figur des Eddie Munson. Nicht nur, weil er mich an eigene Runden von Dungeons & Dragons erinnerte, denen ich einst (wenn nicht auf einem amerikanischen College, so wenigstens auf der Schwäbischen Alb) beiwohnen durfte, und ich einen Dungeon-Master bisher selten so realitätsnah in einem Film abgebildet sah, sondern gleichsam, weil Eddies forsches Auftreten, gepaart mit seinen tiefsitzenden Ängsten und Enttäuschungen, die offen zutage treten, ebenso realitätsnah erscheinen. Schließlich ist es stets begrüßenswert, Figuren zu erschaffen, die in ihrer Ambivalenz liebenswert sind und nicht durch die Attribute gut – böse, hübsch – hässlich gekennzeichnet werden, kurz: jenseits der üblichen Klischees liegen.

Aber dann wird die Figur doch wieder zum Klischee, dem der nordamerikanische Mainstream offenbar nicht entkommt (heute weniger denn je). Der Mythos des Helden scheint unausrottbar, und so muss Eddie (Achtung Spoiler!) am Ende sterben, indem er sich, wie es auf kino.de heißt „im Finale heldenhaft für die anderen Figuren opfert.“ Und Joseph Quinn, der Schauspieler, drückt es so aus: „Er hat das ultimative Opfer für eine Stadt erbracht, die ihn für ein Monster gehalten hat. Das ist ein Level an Heldenhaftigkeit, das schwer zu verstehen ist.“

Wieder transportiert die Serie an dieser Stelle doch nur die alten Botschaften, obwohl sie nicht länger zeitgemäß scheinen. Denn: Brauchen wir ihn tatsächlich noch? Den Helden, der sich unerschrocken jedem noch so aussichtslosen Kampf stellt?

Vielmehr gilt stattdessen zu bedenken und all jenen nahezubringen, die filmische Werke konsumieren: Woher stammen sie, von wem sind sie gemacht, welche Mythen werden hier transportiert?

Für mich stellt es sich so dar: Niemand sollte sinnlose Opfer erbringen, um als Held gefeiert zu werden. Dier Tod ist überflüssig. Weglaufen ist erlaubt. Feige sein ist erlaubt, zumal, wenn eine Schar wild gewordene, nennen wir sie: Fledermäuse, hinter dir her sind. Sie abzulenken, ist Eddie bereits gelungen, als er sich erinnert an seine Worte: „We are not heroes“, sich jedoch entscheidet, eben diese Erkenntnis nicht stehen zu lassen (und sich nicht zu erlauben), sondern doch noch zum Helden zu werden. Nicht abzuhauen, sondern den Viechern entgegenzutreten, um später stolz zu hauchen: „I didn’t run away this time“. Das allein scheint wichtig angesichts des Todes, führt aber letztlich zu nichts außer der Bestätigung der Idee, ein Held zeichne sich dadurch aus, bereit zu sein, das eigene Leben zu opfern, auch wenn ein Kampf nicht zweckmäßig ist und nicht auf Augenhöhe stattfindet.

Lauft weg, liebe Leute, so würde ich die Geschichte (weiter)erzählen, lauft, denn es spricht nichts gegen die Flucht, wenn die Lage aussichtslos ist. Und dann, aus dem Versteck heraus, angekommen an einem sicheren Ort, überlegt, was zu tun ist und versucht, menschlich zu handeln. Zum Menschen gehören seine Ängste, ja, all das, was verdrängt worden ist und nun im Außen versucht wird, zu bekämpfen. Richtet den Blick in euch und prüft, mit welchen Dämonen ihr es aufnehmen wollt. Am besten mit den eigenen. Womit wir wieder bei Freud wären und bei dem, was geschieht, wenn verdrängt wird, was Teil von uns Menschen ist.

Wie schön wäre es gewesen, wenn Eddie nicht als Held, sondern als Eddie geliebt worden wäre. Endlich einmal: einfach so. Ohne den Helden spielen zu müssen. Doch so wird der Preis der Heldenerzählung nicht nur mit einem Figurenleben bezahlt, sondern mit dem Gehalt der Erzählung selbst.

Aber wer weiß: Vielleicht gibt es doch noch eine unerwartete Wendung. Warten wir die fünfte Staffel ab und lesen so lange Freud. Oder hören Kate Bush:

Ooh, there is thunder in our hearts.

*(Der Begriff der symbolischen Ordnung wird von Jacques Lacan entwickelt und bezeichnet sowohl gesellschaftliche Beziehungen als auch die Struktur der Sprache. Beiden gemeinsam ist, dass sie ein System bilden, in das sich das Einzelne erst hineinfinden muss.)