Frei nach Homer dient die erste Lebenshälfte dazu, sich auf den Weg zu machen, um schlussendlich bei sich anzukommen. Odysseus landet bei Penepole, seiner Seele, Regina Hilber bei der Entscheidung, weiterhin unterwegs sein zu wollen, Thomas Schafferer freut sich, zwischendurch immer mal wieder in die Geborgenheit der Tiroler Berge zurückzukehren. Und ich? Lande als Strandgut in Oberösterreich im Strandgut und lausche den TirolerInnen auf ihren Wegen. Vielen Dank für den schönen Abend und Elisabeth Strasser für ihren Blogbeitrag auf dem Blog der GAV Oberösterreich.

Das vollständige Interview zum Thema HEIMAT, das ich mit Gernot Fohler von der Rundschau geführt habe, an dieser Stelle noch einmal in voller Gänze.

  1. Sie haben sich mit dem Thema Heimat in einem Roman auseinandergesetzt. Was bedeutet der Begriff Heimat für Sie? Stehen Sie ihm positiv gegenüber?

»Für mich«, sagt Irina, »ist Heimat ein Gefühl, das unverwüstlicher ist als alles andere und immer bei mir bleibt, lokalisiert in mir, in meinem Körper trage ich es stets bei mir.« Ein Wert, der ihr nicht genommen werden könne, die Bezeichnung eines geistigen Ortes. (Corinna Antelmann. Hinter die Zeit. Wien 2018: 124). Meine Protagonistin sucht nach dieser Heimat jenseits von Grund und Boden durch Selbsterkundung. Das ist ein Ansatz, der mir gefällt: Die Heimat in sich selbst finden. Darüber hinaus sehe ich unseren Planeten als Heimat. Seit uns durch die Raumfahrt ermöglicht wurde, die Erde von außen zu erblicken, gibt es ja die Hoffnung, dass die Spaltung der Menschheit in Einheimische und Fremde von Stund an bedeutungslos wird. (Emmanuel Lévinas. Heidegger, Gagarin und wir (1961), in: Schwierige Freiheit. Frankfurt/M 1992: 173 ff.) Mit dem ersten Raumflug haben wir zudem die Möglichkeit erhalten, auch in diesem Sinne zu handeln. In diesem Sinne verstanden, ist der Begriff äußerst positiv für mich besetzt.

  1. Seit drei Jahren leben Sie in Ottensheim. Fühlen Sie sich hier daheim?

Ottensheim ist eine lebendige Gemeinde, die danach strebt, dass alle BewohnerInnen gehört werden. Ich bin viel herumgezogen und habe selten erlebt, dass dieses Bedürfnis aller Menschen, sich in das gesellschaftliche Leben einzubringen, in diesem Maße ernstgenommen wird, obwohl es ein Grundbedürfnis ist. Das schlägt sich vor Ort atmosphärisch nieder, weil es öffnet und die Wahrnehmung erweitert: Von den Alten auf die Jungen, den lang Ansässigen auf die Zugezogenen. Ich fühle mich mit offenen Armen empfangen und arbeite hier. So gesehen bin ich momentan in Ottensheim daheim. Sind wir nicht immer dort daheim, wo unsere Grundbedürfnisse gestillt werden?

  1. Was halten davon, wie in Oberösterreich das Thema diskutiert und aktuell mit dem Thema „Heimat“ umgegangen wird?

Ich verstehe den Wunsch nach einer Heimat, die sich an einen Ort bindet, gerade, weil es für mich einen solchen Ort nie gab, da beide Elternteile vertrieben worden sind. Mein Großvater war Bauer und hätte seinen Grund in Schlesien nie verlassen. Er ist nach der Befreiung Deutschlands zurückgekehrt an diesen Ort, ohne zu wissen, was ihn dort erwartete, tote Kühe und verendete Hühner, aber er wollte festhalten, was er als Heimat bezeichnet hätte, und war sogar bereit, unter der Besatzung einen Neuanfang zu wagen. Nicht einmal ein Jahr später trat er mit einem Gepäck von fünfzehn Pfund ein weiteres Mal die Flucht an. So war ich, wie viele andere, Heimat über den Verlust von Heimat kennengelernt hat, gewissermaßen gezwungen, den Begriff von einem bestimmten Fleckchen Erde zu entkoppeln und bin dankbar dafür. Denn ebenso wie der Blick auf die Erde hätte helfen können, die Perspektive auf den Umgang mit ihr zu verändern, kann der Blick als Fremde möglicherwiese auch immer dazu beitragen, dem Wunsch, Heimat in einem ganz konkreten Sinne zu bewahren, Europa, die Welt, die Erde der Diskussion hinzufügen. Das Einende dem Ausgrenzenden.

  1. Gibt es einen Unterschied beim Thema Heimat zwischen Österreich und Deutschland?

Ich wohne nun schon seit dreizehn Jahren in Oberösterreich; seither hat sich sicher in Deutschland einiges geändert. Mein Empfinden war immer, dass der Begriff Heimat in Deutschland negativ konnotiert und in Oberösterreich das Bedürfnis nach einem Heimatbegriff, der die Menschen in ihrem Land verankert, stärker ausgeprägt ist. Ich bin im Norden aufgewachsen, in Bremen. Auch hier gibt es ein ausgeprägtes Interesse an Stadtgeschichte und den Traditionen wie Pikebrennen oder der Eiswette. Das wird zelebriert und gepflegt, würde jedoch nicht als Heimatpflege beschrieben werden, vermute ich. Ich empfinde die Beschäftigung mit Brauchtum und Dialekt als eine wertvolle Haltung, als den Wunsch, zu verstehen, wo man lebt, und wie die Menschen denken. In Bremen heißt das: Wo de Nordseewellen trecken an den Strand, wo de geelen Blömen bleuhn int gröne Land, wo de Möwen schrieen hell int Sturmgebrus do is mine Heimat, do bün ick to Huss (plattdeutsches Volkslied). Ich freue mich immer über den Erhalt und die Pflege jedweder Sprache, das ist wichtig und unbedingt wünschenswert. Überall. Denn sie ist ja mein Instrument.

Auf Einladung von Sylvia Eultiz gastierten Irene Kepl und ich im Salon 27 in Berlin, um unser Programm KA Punkt vorzustellen. Für uns beide war dieser Abend wie immer eine Bereicherung und eine große Freude, ihn gemeinsam zu bestreiten. Irenes Improvisationen der Neuen Musik und meine Literatur erkunden mögliche Gemeinsamkeiten im Kreisen, im Suchen, in dem Bedürfnis, keinen Erwartungen entsprechen zu wollen, aber gleichsam das Angebot in den Raum zu stellen, sich einzulassen auf die Frage: Was stellt sich her? Was erzählt sich jenseits von Melodie und Plot? Wo ergänzen und entsprechen sich die Klangräume und auch die Inhalte? Es entspann sich ein anregendes Gespräch über Erwartungshaltungen, Mozart und Neue Musik, Krimi und Thomas Bernhard und nährte unseren Wunsch, weiterzuexperimentieren, zu forschen, zu erkunden: eben so, wie es Musik und Literatur seit jeher tun.

Die Komponistin und Geigerin Irene Kepl und ich haben uns zusammengefunden, um Violinenspiel und Romanauszüge zu einem textuellen Gewebe aus Musik und Sprache, Improvisation und Gedrucktem zu verbinden.

KA PUNKT

„Öffne deinen Schädel doch nur einen Spalt, damit ich deinen
Geist ertasten kann. Ich kann mir diese Textzeile gut merken,
da ich sie immer melodisch gesetzt höre und Musik
bekanntlich hilfreich ist in Sachen Erinnerung oder auch: verfälschter Erinnerung.“
(Corinna Antelmann, Drei Tage Drei Nächte. Roman, Septime 2018)

Zugrunde liegt dem Programm der Roman Drei Tage drei Nächte (Septime-Verlag, März 2018). Hierin bewegt sich die Protagonistin um ihre Gedanken kreisend; Irene Kepl wurde kürzlich die CD von Violet Spin veröffentlicht (unit records, 2018), letztes Jahr hat sie u.a. sehr erfolgreich ihre erste Solo-CD SololoS (fou records, 2017) herausgebracht und arbeitet aktuell bereits an neuen Solo-Aufnahmen, die sich mit eigenen Kompositionen, Improvisationen und Bachs Solosonaten auseinandersetzen.

Zuletzt waren wir in Berlin zu sehen. Eine Leseprobe aus dem Roman finden Sie hier.

Gastspielkonditionen unter: Spargel in Afrika.
Und: Eine gekürzte Prosafassung des Textes liegt nun unter dem Titel Des asperges en Afrique auf Französisch vor (Litterall – litterature de langue allemande, Nummer 25)

Spargel in Afrika ist ein gemeinsames Theaterprojekt mit Thomas Bammer, ein Monolog, geschrieben für ihn, basierend auf Erinnerungen an seinen Vater, meinem Schwiegervater. Erzählt wird die Geschichte eines Sohnes, der in Kürze in der Generationenfolge aufrücken wird. Das Stück reflektiert das Verhältnis von Vater und Sohn, gespielt von einem Schauspieler und einer Puppe, und thematisiert zugleich den Blick des Sohnes in seine eigene Zukunft als alter Mann. Zugrunde liegen dem Text Gespräche mit beiden Männern, die gleichsam fiktionalisiert worden sind.

In der Absicht, seinen neunzigjährigen Vater zu besuchen, findet ein Sohn nicht das vor, was er erwartet hatte. Es beginnt eine Reise durch fremde Länder, gemeinsame Erinnerungen, gutes Essen und gelebte und nicht gelebte Emotionen und Konflikte. Und immer wieder kreist das Gespräch um den Genuss und die Zubereitung von Mahlzeiten und der Frage, wer für wen Sorge zu tragen habe. „Was fehlt dir, Vater?“, frage ich ihn und gebe mir die Antwort selbst: „Nichts natürlich. Du hast alles, was du brauchst.“

Peter Klimitsch stellt nach der Aufführung am Landestheater Linz vom 12.5.2018 die Frage, ob es gelingen könne, sich die eigene Kindlichkeit zu erhalten, Sohn zu bleiben, aber auch selbst Vater, Mann, Ehepartner: „Die Fragen der Bewältigung all der verschiedenen sozialen Rollen ist entscheidend für jede und jeden von uns. Ausgehend von einem Blick in die eigene Familie lädt die Familie Antelmann-Bammer mit ihren künstlerischen Mitteln, Literatur und Theater, ein, sich damit auseinanderzusetzen, sich selbst darin zu finden und zu reflektieren.“ Nachzulesen ist seine Rezension in seinem Blog Nosing Around.

Eine weitere Rezension gibt es von Rudolf Habringer, der schreibt: „Knapp vor dem Tod des Vaters erinnert Thomas Bammer als Sohn an diese Episode, aber nicht anklagend oder rebellisch. Eher stellt sich eine versöhnliche Annäherung ein, ein liebevolles Begleiten, eine gedämpfte Traurigkeit über das Fehlen einer Nähe, die es nie gegeben hat.“

Text: Corinna Antelmann
Regie: Julia Ransmayr
Spiel und Produktionsleitung: Thomas Bammer
Puppe: Marianne Meinl
Assistenz Puppe: Simone Riedl
Puppengarderobe: Sandra Sekanina
Video: Stefanie Altenhofer

„Selbst der Plastiksack eines Einkaufszentrums kann Anlass für ihr Entzücken sein“, schreibt Peter Turrini in einem Liebesgedicht über das Verhalten von Verliebten. Diese Wahrheit wiederum entzückt mich. Und dass ich im Café des Schloss Wartholz lesen konnte, in dem Peter Turrini 2007 den Literatursalon eröffnete, entzückte mich ebenso – wenngleich auf nicht vergleichbare Weise. Vergleichbar jedoch ist die Freude am geschriebenen Wort mit dem Lesen von Worten, die von einem derart aufmerksamen Publikum aufgenommen werden. Es war mir eine ausgsprochene Ehre, hier zu lesen und anschließend anregende Gespräche zu führen. So möchte ich Herrn Blazek für die Einladung danken und Frau Rath für die lebendige Betreuung und allen Zuhörerinnen für das gemmeinsame Erleben des Abends. Verliebt habe ich mich in den gemeinsam betretenen und eröffneten Raum. Entzückt haben mich die Reaktionen.

Bevor AutorInnenbegegnungen an Schulen dank überarbeiteter Kulturpolitik ins Klo hinuntergespült wurden, haben Erich Gusenbauer und Michaela Lauth von der Michael-Reitter-Schule in Linz 20 Jahre lang an ihrer Schule Lesungen und Workshops organisiert, u.a. mit Renate Welsh, Franz Sales Sklenitzka, Alfred Komarek, Georg Bydlinski, Stefan Karch, Patrick Addai. Auch ich besuchte die Integrationsklasse, mit einem damals noch unveröffentlichten und unillustrierten Text. Als Ergebnis des gemeinsamen Prozesses gaben wir bei dem Papierfresserchen-Verlag im Anschluss ein Buch heraus: „Allein mit einer Hexe“ ist in vielen arbeitsamen Stunden entstanden, bebildert von den ErstklässlerInnen selbst, die den Hauptfiguren ihre Gestalt verliehen, das Setting ihren Vorstellungen gemäß gestalteten. Nun ist es auch als Ebook erhältlich. Ängste vor unerwarteten Begegnungen werden hier aufgelöst und im Klo lauern Hexen darauf, die Förderungen nicht abfließen zu lassen …

Um es mit Konrad Bayers Worten zu sagen: „allgemein ist neben dem fahrrad weniger vielleicht. wird das fahrrad solchermassen beiläufig zweifellos?“ (Konrad Bayer: Sämtliche Werke. Überarbeitete Neuauflage 1996, 1985/2018. Klett-Cotta: S. 448). Nachdem mir das Fahrrad gestohlen worden ist, das mir der Freundeskreis der Künstlerwohnung Soltau e.V. netterweise zur Verfügung gestellt hat, war es hilfreich, Konrad Bayer zur Hand zu haben. Ansonsten war es hilfreich, im Herzen der Lüneburger Heide über der Bibliothek Waldmühle an einem neuen Roman schreiben zu können und öffentlich zu lesen.

Gastaufenthalte sind ein wichtiger Teil der Kulturförderung, allen Stimmen, die zuletzt dagegen gehetzt haben (nicht zuletzt aufgrund von möglicherweise missverständlichem Verhalten einiger StipendiatInnen), möchte ich entgegenhalten: Wir arbeiten. Und: Es liegt ein unschätzbarer Wert darin, außerhalb der alltäglichen Verrichtungen wiederum der inneren Stimme zu lauschen. Das gilt nicht allein für AutorInnen, aber möglicherweise liefern sie diesen ihren Beitrag: dass sie den inneren Stimmen eine Stimme verleihen und sich den Raum dafür nehmen, dieser Stimme eine Form zu verleihen. Ihn zur Verfügung gestellt bekommen. Ich möchte mich bei dem Freundeskreis bedanken: für das Rauschen der Wassermühle, die wunderbare Betreuung, die Möglichkeit, ungestört arbeiten zu können. In Norddeutschland bin ich aufgewachsen, so heiß wie jetzt im Juli war es nie; der Klimawandel macht sich bemerkbar. Auch in Bezug darauf sollte weiterhin die Stimme erhoben werden. Der Rest ist Konrad Bayer.