(zur Kürzung der Literaturförderung in Oberösterreich)

Die Literaturförderung hierzulande ist empfindlich gekürzt worden: von den 0,12 %, die das Kulturbudget für die Literatur vorsieht, noch einmal 34%. Was tun? Beklagen und Lamentieren?

Ich denke, es könnte ein Anlass sein, über den Stellenwert von Literatur innerhalb einer Gesellschaft nachzudenken und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es sich beim Schreiben als Profession nicht um das Privatvergnügen einiger einzelner Menschen handelt, sondern es von allgemeiner Bedeutung ist, diese Arbeit zu verrichten. Literaturschaffende gehen einer Arbeit nach, wie andere Menschen auch, einer Arbeit, die zudem einen gesellschaftlichen Auftrag verfolgt, wie es beispielsweise auch das Theater tut, ja, das Kulturschaffen als solches. Ohne die Unterstützung der Solidargemeinschaft (Gesellschaft) wäre all das nicht zu leisten, das stimmt, und gilt für andere Bereiche ebenso. Es gibt viele Arbeitsplätze, die ohne die staatliche Zuwendung nicht erhalten werden könnten, weshalb das Steuerzahlen dem Umstand Tribut zollt, dass Arbeit, die nicht in erster Linie umsetzt, dennoch finanziert werden muss wie jede andere Arbeit, zumal, wenn sie dem Gemeinwohl dient. Wir steuern auf eine Zeit zu, in der die Arbeit nach und nach von Maschinen getätigt und von ihnen ersetzt werden wird, an denen jene verdienen werden, die diese Maschinen entwerfen, besitzen und steuern. Der Umsatz steigt. Dann gibt es jene Skills, die (Gott-sei-dank) niemals maschinell oder digital erzeugt werden können, wenig „einspielen“, aber uns Menschen als Menschen auszeichnen, als Wesen, die einander berühren und sich berühren lassen, füreinander sorgen, die niemals (niemals!) bemessen werden können nach dem Ertrag, den sie bringen, sie liegen jenseits der Gesetze und Maßstäbe des Marktes, wohl aber nach ihrer Funktion für den gesellschaftlichen Wert. Diese Skills schenken dem Leben jenen Wert, der dem menschlichen Streben nach Wertsein und Transzendenz entspricht: im Machen und im Empfangen. Keine dieser Säulen, die jedoch unsere Gesellschaft stützen, kann je in direkten Umsätzen gedacht und kalkuliert werden: Weder die Kindererziehung, noch die Pflege und Gesundheitsversorgung, weder die Bildung, noch eben die Kultur, die uns immer wieder in Kontakt bringt mit dem, was dieses Menschsein und seine Gebrechlichkeit bedeutet. Deshalb muss es Arbeiten geben, die Kapital erwirtschaften und Arbeiten, die mit diesem gewonnenen Kapital finanziert werden. Dass dieses Kapitel überhaupt gewonnen werden kann, auch dazu tragen alle auf ihre Art bei: sei es durch Freistellung der Arbeitskraft, indem die Pflege der gemeinsamen Brut übernommen wird, sei es durch Pflege des physischen und psychischen Wohlergehens, sei es durch Vermittlung von Erkenntnissen oder die Impulse in Form frischer Ideen. So lautet die Vereinbarung unserer sozialen Idee: dass das eine das andere mitträgt, und deshalb zahlen wir auch Steuern. Ich finde, das ist ein gutes Prinzip, ein menschliches, weil solidarisches Prinzip (s.o.).

Literatur ist Artikulation und Reflexion unserer Umwelt und Geschichte. Sie ermöglicht das Sprechen über gesellschaftliche Phänomene und menschliche Eigenarten, sie gibt Gefühlen und Ideen und Randerscheinungen eine Sprache, die stimmlos bleiben würden ohne sie. Damit allein leistet die Literatur den nicht unwesentlichen Beitrag zum besseren Verständnis des Miteinander, zum Erkennen menschlicher Schwäche und Möglichkeiten, erkundet Wege, einen neuen Umgang zu finden und Wege aus der Isolation. Hier findet, neben den verschiedensten Ausdrucksformen menschlicher Bedürfnisse und Gegebenheiten, auch der Diskurs einen Platz, und nicht zuletzt das Denken. Eine komplexe Zeit benötigt komplexe Denkansätze. Das Schreiben versucht sich auch darin, den Stellenwert des Menschen innerhalb der Bedingung, in denen er lebt, zu definieren und neu zu bestimmen. Das wird zunehmend wichtiger, denn der Mensch sollte bei allen Errungenschaften im Mittelpunkt von Wirtschaft und Fortschritt stehen. Dafür benötigt es einen Ausdruck, und für diesen Ausdruck benötigt es möglicherweise SchriftstellerInnen, die sich qua Profession darin geübt haben, der Beobachtung eine Form zu geben. Das bedeutet in der Tat harte Arbeit, und jede Arbeit muss irgendwie bezahlt werden. Dass diese Arbeit manchmal auch Vergnügen ist, tut hier wenig zur Sache: jeder Beruf vereint bestenfalls Arbeit und Vergnügen. Es ist wahr, dass der Beruf AutorIn oftmals mit Berufung einhergeht, und das muss er, denn müsste es sich rechnen, würde kaum jemand die Plackerei auf sich nehmen. Meine letzte Quelle bezeugt mir einen Stundenlohn von höchstens 42 Cent, so die Bestsellerautorin (!) Nina George in einem Artikel der ZEIT vom 20.10.2016: „Irgendein Witzbold ermittelte mal anhand der Künstlersozialkassen-Statistik den Stundenlohn von Buchautorinnen der »working class«, und er kam auf sensationelle 42 Cent. Es können aber auch problemlos weniger sein.“ Auch hier geht es mir weniger ums Jammern, als um Aufklärung: Der Verkauf eines meiner Bücher erwirtschaftet mir eine Summe von 10% des Buchpreises je Exemplar – es rechne an dieser Stelle, wer wolle.

Wollen wir (und hier meine ich nicht allein: wir AutorInnen, die wir hier leben, sondern die Menschen diesen Landes, sowie die Menschen aller Länder) den Standort Oberösterreich als einen Ort etablieren, aus dem das literarische Leben endgültig abwandert oder bildet es womöglich einen Wert für uns und unsere Kinder, die Literatur lebendig zu halten vor Ort, um Veranstaltungen, Schullesungen, Austausch, Begegnung, Diskurs im Herzen der Gesellschaft zu halten und davon zu profitieren, dass es diese Lebendigkeit im unmittelbaren Erleben weiterhin geben wird? Dies nicht als Bitte um Almosen, sondern als Aufforderung an alle Menschen, frei zu entscheiden, was es uns wert ist, die Kultur als Herz einer Gesellschaft zu begreifen – mit allen Bereichen, die darunter fallen.

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