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22.11.22 – nicht nur eine interessante Zahlenkombination (vergl. Der Rabe ist Acht), sondern gleichsam Datum der Erstpräsentation und Erscheinungstermin von „Im Geiste, Anna“ – eine Erzählung. Oder auch: Briefnovelle?

Danke dem Stifterhaus Linz und dem Kollektiv Verlag Graz für die Möglichkeit, dem Text eine Öffentlichkeit geben zu können, und Anna Freud (im Geiste) für die Inspiration von Tagträumen, Psychoanalytischen Überlegungen und Eigenermächtigung:

Unschlüssig nähere ich mich ihr, sodass ich sie beinahe mit meiner Nasenspitze berühre, die im Übrigen auf Nasenhöhe liegt mit der ihren, und auf die Frage, ob ich etwas suche, würde ich gern sagen, den Faden, der mein Leben spinnt oder, anders ausgedrückt, das Garn, aus dem die schönen Geschichten gemacht sind. Und da reicht sie mir ein Spinnrad und sagt: „Spinn dir den Faden deines Lebens oder wenigstens den deiner eigenen Geschichte.“ (Antelmann: Im Geiste, Anna, Kollektiv Verlag 2022)

Als Alsergrunder Bezirksstipendiatin widmete ich mich dem Leben und Schaffen von Anna Freud. Entstanden ist ein Text, in dem sie motivisch als ein Schatten aufscheint, der sich über die Gedanken meiner Hauptfigur wirft.

In einem fiktiven Briefwechsel an ihre Freundin Edith berichtet Martha von der unerwarteten Begegnung mit einer Doppelgängerin, wie sie zunächst meint, die sich später als die junge Anna Freud entpuppt, die aus einer vergangenen Zeit zu ihr spricht. Martha ist frisch von Deutschland nach Wien übersiedelt, um Abstand zu ihrem Vater zu gewinnen. Als Aushilfekraft in einem Teeladen auf sich selbst zurückgeworfen, begibt sie sich hier, unvermittelt und nicht ganz freiwillig, in die Eigenanalyse.

[…]

Liebe Edith,

die junge Frau hatte nicht auf der Bank am Ari-Rath-Platz gesessen, obwohl ich bis am späten Abend dort Wache hielt, und deshalb nutzte ich stattdessen den frühen Morgen, mich auf ein Wiedersehen durch das Schaufenster vorzubereiten. Noch bevor ich das Wechselgeld nachzuzählen begann und die Waage einschaltete, steckte ich den Schlüssel von außen in die Ladentür, als Schlüssel zum Unbewussten gewissermaßen, und befestigte das Schild Komme gleich wieder an der Tür, die ich anschließend offenließ, auf dass es niemanden irritiere.

Oder als Einladung an sie.

Tatsächlich sah ich sie wenig später herannahen. Und dieses Mal bildete ich mir ihre Erscheinung nicht ein. Kurz nur betrachtete sie die Auslage, ich glaube, es ging ihr um eine Teekanne aus Usbekistan, aber sie schien in Eile, das Leben rief nach ihr, vermute ich, aber als sie zum Weiterschlendern ansetzte, lief ich, nicht minder eilig, hinaus, verschloss den Laden und nahm die Verfolgung auf, in vollem Vertrauen darauf, dass sie mir den richtigen Weg weisen würde.

Sagen wir: einen beliebigen Weg.

Ich verlor sie in der Berggasse. Eben noch hatte ich sie vor mir gehen sehen, dann war sie weg.

[…]

Eine erste Lesung von Auszügen des Textes fand am 25. Mai 2022 um 19.00 Uhr in der Bibliothek des Freudmuseums, Berggasse 19, 1090 Wien statt. Ich bedanke mich an dieser Stelle nochmals bei Friedrich Hahn als Initiator und Juror des Stipendiums, Saya Ahmad als Bezirkschefin Alsergrund für ihre engagierte und zugewandte Moderation sowie Peter Nömaier vom Freud-Museum Wien.

Unter dem Titel Im Geiste, Anna erscheint der Text am 22.11.2022 im Kollektiv Verlag. Vorbestellungen werden bereits entgegengenommen. Die Erstpräsentation des Buches findet im Rahmen einer Doppellesung mit Herbert Stöger am 22.11. im Stifterhaus Linz statt.

Veranstaltungen

Eine Brief-Erzählung, entstanden anlässlich des Alsergrunder Literaturstipendiums:

Martha ist Studentin der Psychologie, als sie unvermittelt nach Wien zieht, um Abstand zu ihrem Vater zu gewinnen: eine Flucht, so nennt es die Freundin Edith und einzige Ansprechpartnerin, zu der sie Brief-Kontakt hält. Die Tage, die Martha mit Arbeit in einem ruhigen Teeladen verbringt, veranlassen sie zum Tagträumen, bis ihr eine Unbekannte erscheint; später erst meint sie, in dieser Unbekannten Anna Freud auszumachen. Die irreale Begegnung konfrontiert Martha mit sich selbst und lässt in ihr all jene Ängste aufsteigen, die sie bisher zurückzudrängen versuchte. Es beginnt eine innere Auseinandersetzung mit dem Vater, der von ihm verkörperten Welt und der eigenen Verortung in eben jener Welt. Was heißt es, als Frau innerhalb der männlichen Kultur zu leben, die zum Großteil auf der Ausgrenzung des Weiblichen basiert? Martha stellt sich ihren „Geistern“, ihrem unerfüllten Hunger nach Anerkennung, dem Wunsch nach Akzeptanz, und erkennt in Anna Freud schließlich eine Tochter, die trotz aller Verpflichtungen und Beschränkungen einen eigenen Weg beschritt, auch neben ihrem Vater eine Stimme zu finden, um sich in diese Welt einzuschreiben.

Herbert Stöger und Corinna Antelmann lesen aus ihren neuen Werken.

Präsentiert wird die druckfirsche Erzählung „Im Geiste, Anna“ (Kollektiv Verlag), die Gedanken aus Anna Freuds Leben und Schaffen aufgreift und der neue Roman von Herbert Stöger.

Jedenfalls bilden die Literatur und die Psychoanalyse ein Feld der diskursiven Überschneidung, ohne dass ich sagen könnte, ob nun die Literatur mehr mitzuteilen hat über den Menschen oder die Psychoanalyse. Und so beschäftigte ich mich weder mit dem einen noch mit dem anderen, sondern ließ das Heft in der Tasche und starrte stundenlang sehnsuchtsvoll zum Fenster auf die Gasse hinaus.