Kränkung und Krieg
Was kann ich sagen angesichts der Lage? Lieber stelle ich eine Frage: Wohin mit der Enttäuschung, wohin mit dem Schmerz darüber, dass es anders gekommen ist, als wir es uns erhofft haben mögen? Und mit wir meine ich all die Menschen, die daran geglaubt haben – und sei es für kurze Zeit – es möge gelingen, zu einem Miteinander zu finden, oder sogar Sorge zu tragen füreinander.
Es stimmt doch! Wir saßen beisammen und spürten, was es wert ist, das Leben als solches und das Leben des Einzelnen. Wir wollten eine Form der Gesellschaft verwirklichen, die ohne die Gewalt-Exzesse der Vergangenheit auskommt, ohne die Unterdrückung anderer Völker, Religionen, Geschlechter, ob mit Antisemitismus garniert oder mit Islamophobie, Homophobie, Misogynie – meist summiert sich das eine zum anderen.
Wir träumten davon, dass die Menschen es besser können, und erfuhren, ja, es geht doch: Es gab die Abrüstungs- und Renaturierungsprojekte, die Friedensmärsche, es gab die Erklärung der Menschenrechte. Und auch, wenn keine Nation ihnen zu hundert Prozent folgte, so gab es zumindest den Versuch, sich an ihnen zu orientieren und weiter an die Idee heranzutasten, dass allen Menschen die gleiche Würde eigen ist, und sie die gleichen Rechte verdienen, ohne sie sich verdienen zu müssen. Wir glaubten, es müsse selbstverständlich sein, sie freizügig allen zuzugestehen, wenn es doch der Gesamtheit immer nur so gut geht wie ihren einzelnen Teilen.
Dieser Glaube hielt sich wacker und hält sich noch.
„Erstaunlich“, sagt ein Freund, „du glaubst noch immer, dass die Geschichte gut ausgeht?“
„Ja“, sage ich, „das tue ich“, aber er hört nicht nur den Trotz, der in der Stimme mitschwingt, sondern auch die Furcht, mich womöglich zu irren.
Aber seien wir ehrlich: Die Furcht, es könne jemand kommen, der alle Bemühungen zerstört und die Welt in Schutt und Asche legt, mehr noch: über das nötige Kapital und die Macht dazu verfügt, gab es schon immer. Diesen Jemand kannten wir aus Batman und aus James Bond, auch kannten wir sein irres Lachen und den irren Blick, der den Irrsinn widerspiegelt, die Welt zertrümmern zu wollen.
Irre ist ein ableistischstes Wort und ohnehin: Irren ist menschlich, wenig menschlich hingegen der Mächtige, der herumirrt und seine Wut an anderen auslässt, uns, ohne zu überlegen, ob es zulässig ist, alles, was ihn stört, einfach zu zerstören.
Der eine Bösewicht, wie haben wir gelacht, und nur langsam haben wir begriffen, wie das alles nun zusammenhängt mit unseren inneren Konflikten und Enttäuschungen und nicht veräußerten Schmerzen. Und dann rannten wir los, um die Vergangenheit aufzuarbeiten und Geschichten in Worte zu kleiden, um sie zu fassen zu bekommen. Wir haben Gedenkstätten errichtet und Nachkommen von Tätern und Getöteten zusammengebracht, um Versöhnung zu stiften.
So versuchten wir, vergangenes Unrecht in Ordnung zu bringen, vielleicht sogar zu heilen. Wir riefen: „Zum Teufel mit der Gut-und-Böse-Dramaturgie!“ und akzeptierten, dass der Teufel, jenseits aller Religionen, nicht allein im Bösewicht, sondern in uns allen steckt. Somit konnten wir selbst entscheiden, wieviel Raum wir ihm gewähren wollen. Ob wir Tee trinken mit ihm, um zu verstehen, was er von uns will, oder ihn, wohlwissend, dass er dort hockt, links liegenlassen, weil wir unsere Zeit lieber denen widmen, die wir lieben. Natürlich, irgendein Plätzchen sollte er bekommen, und ein bisschen lieben müssen wir ihn auch. Meinetwegen schütteln wir ihm die Hand oder werfen uns an seinen Hals, um darüber zu weinen, was er nun wieder angerichtet hat. Keinesfalls aber sollten wir ihm die Macht übergeben: über uns, über die Welt, und ihn auf unser unschuldiges Umfeld loslassen, nur weil wir fürchten, er könne uns andernfalls etwas in den Tee schütten, das wir nicht trinken wollen.
Wieso also, so mögen wir uns heute fragen, darf dann ein Präsident, und nicht nur er, die ihm eigenen Dämonen auf die Menschheit zu hetzen, nur, um sich nicht mit sich selbst an einen Tisch setzen zu müssen?
Lieber sitzt er dort mit denen, die es ihm gleichtun.
Ja, es gab die Zeit, als sich die Dramaturgie der Geschichten dann tatsächlich zu verändern begann, die Zeit, da der Teufel als dem Innenleben zugehörig erkannt wurde und James Bond fortan mit der eigenen Zerrissenheit kämpfte, während sich Batman den Verletzungen des traumatisierten Jungen in ihm stellte.
Die Dramaturgie, hurra!, sie wurde angepasst an unsere Erkenntnisse, und da darf sich doch bitte niemand wundern, dass der Glaube, alles sei machbar, eine gewisse Zähigkeit entwickelte, gestützt von Erzählungen, die alte Muster verließen – bis vorgestern noch wurden diese Muster in Frage gestellt, das Ensemble erweitert und die Perspektiven auch.
Aber seit gestern, seit wie lange schon?, unterscheiden sich die Bilder nur mehr wenig von denen, die beispielsweise Goebbels in Auftrag gab, um seine Fähigkeiten des Geschichtenerzählens in den Dienst der Hetze zu stellen: „Wir dürfen uns nicht übervölkern lassen von dem Fremden, wir müssen das Böse vernichten – wollt ihr den totalen Krieg?“
Genau, weltweit hören wir auch heute wieder …
Stopp! Stellen wir es ab, das Gequatsche und Geschrei und achten darauf, das gedruckte und gesprochene Wort nicht widerstandslos und ausschließlich denen zu überlassen, deren Narrative ohnehin pausenlos wiederholt werden, und deren Enttäuschung womöglich eine ganz andere ist als jene, mit der ich den Text eröffnete: Nicht über die Zerstörung der Welt grämen sie sich, sondern über die Erfahrung, dass Liebe Zurückweisung bedeutet. Auch der Präsident der USA wurde demgemäß enttäuscht, obgleich ihn die mangelnde Liebe möglicherweise nicht einmal enttäuschte, weil er erst gar keine Vorstellung davon entwickeln konnte, wie es sich anfühlen könnte, in Liebe zu sein. Damit befindet er sich in guter (oder auch in schlechter) Gesellschaft mit Adolf Hitler oder Jürgen Bartsch – ja, wir haben Alice Millers Analyse der Folgen schwarzer Pädagogik inhaliert, um die Gräuel zu verstehen, denen wir entgegentreten wollten und die mit den verletzten Kindern ihren Anfang nehmen mögen.
Und nun sagt bitte nicht, die Mütter sollen richten, was gesellschaftlich angerichtet wird. Ausgerechnet die Frauen, deren Würde immer wieder tief verletzt wurde und denen die Frage nach dem „Wohin mit der Enttäuschung?“ nur allzu gut bekannt sein dürfte, sollen verhindern, dass aus Jungen Narzissten werden, warum nicht gleich: Teufel?
Sorgen wir lieber dafür, dass auch ihnen die steten Kränkungen erspart bleiben, so wie wir gemeinsam dafür sorgen sollten, dass unser aller Kindern ohne die tiefgreifenden Verletzungen aufwachsen dürfen, die später andernfalls keinen anderen Ausdruck zu finden scheinen, als weitergegeben zu werden.
Es ist gut, die Zusammenhänge im Blick zu behalten, doch niemand zwingt uns, den Tätern und Täterinnen, die durch die Beziehungslosigkeit stolpern, mehr Raum zu gewähren gegenüber jenen Männern und Frauen, die sich um gelingende Beziehungen bemühen, indem sie nach Heilung streben. Die wissen, was es bedeutet, einen Menschen großzuziehen, und wie umfassend die Verantwortung ist, dessen Würde unangetastet zu lassen, indem die eigenen Teufel einen eigenen Platz zugewiesen bekommen.
Ihnen, die etwas beizutragen haben, sollte das Papier überlassen werden, die Sendezeit, die Titelseite des Nachrichtenteils, die Head Departments des Filmemachens, schließlich geht es hier um unser aller Ressourcen, die unsere Informationssysteme und Kommunikationskanäle speisen. Immer geht es um Ressourcen, wenn wir uns um Verständigung bemühen, auch im Privaten, in jeder Beziehung, die anderes will, als es das verzweifelte Buhlen um Aufmerksamkeit tut, das wir bei jenen Mächtigen erfahren, die angefangen haben, unsere Welt mit ihrem Narzissmus zu bombardieren und Menschen ins Schweigen zu zwingen, die vielleicht nicht einmal reden wollten, sondern einfach nur leben.
Die neue Dramaturgie könnte sein: Versuchen wir es abermals mit Menschlichkeit, die sowohl die Fähigkeit zur Liebe als auch zum Hass umfasst, während wir gleichsam überlegen, was wir anderen zumuten wollen: Die Wahrheit, ja, unser Berührtsein, ja, nicht zu verwechseln mit Affekten, die unreflektiert auf andere niederprasseln.
In einem Artikel zum Frauentag, erschienen am 7. März im Standard, schreibt Marlene Streeruwitz: Wir „müssen dabei bleiben, nach der Weltherrschaft zu streben. Die, die jetzt an der Macht sind. Sie können es nicht. Und es ist ganz einfach. Es muss jedes Leben zählen und die Bäume gehören uns allen.“
Erobern, besser: erschreiben, wir uns also einen Ort, an dem Enttäuschung ihren Platz finden darf, der Schmerz einen Raum, um neue Kraft zu sammeln und zu erkennen: Der andere Mensch dort, auch er denkt daran, wie es sein könnte, wenn nur, wenn …
Wir sind in der Vielzahl.
Glaube ich.
Mehr gibt es nicht zu sagen.